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mit «k bezeichneten, Breite des Leibs der Fiale gleich. Ferner sind die einander gleichen Distanzen ai', Fli,und 0 6 der im Grundriß mit i k bezeichneten Ausladung des Fialensockels entnommen. Die Ausladungs-Distanz i6 des Kapitälgesimses ist im Grundrisse durch die Distanz i t normirt. Auf der im Aufrisse von i nach kgezogenen Linie ist alsdann die Profilirung des Kapitälgesimses gebildet; die einander gleichen Distanzen k kund 16 dieses Gesimses, dann die denselben ebenfalls gleiche Distanz 6 m des untersten Rundftabs sind sämmt-lich der Grundrißdiftanz Kur entnommen; und mit dem, nach letzterer Distanz geöffneten, Zirkel ist auch dieHohlkehle des Kapitälgesimses aus n beschrieben. Das in Figur 35 angewendete Laubkapitäl kann sowohl füreine Fialen-als für eine Bild-Säule, wie für einen Kragstein benützt werden. In den weiter unten folgendenBorlegeblättern ist eine hinlängliche Auswahl von Laub enthalten, welches für alle Arten von Kapitälenanwendbar ist, und im Borlegeblatte XXI insbesondere sind mehrere Laubkapitäle und Kragsteine mit Laub-werk ^dargestellt. Was die oben erwähnten Martersäulen und Ewiglicht-Säulen betrifft, so gehören diese zuden Tabernakeln, und werden daher weiter unten näher erörtert werden.
ix. Thurm - und Pfeiler - Construction, insbesondere aus der
Quadratur und Triangulatur.
1. Nachweise über die Aechtheit der „(Quadratur" als alte Meister-Regel.
uadraturen sind die eigentlichen Grundformen der Thürme; denn obwohl auch hier, wiebei den Schäften, sowohl die runde Form, als die verschiedenen Vielecke von den Altenangewendet wurden, so ist doch, abgesehen davon, daß die Unterfätze aller Thürme inder Regel Quadrate sind, die vorherrschende Thurmform das regulär aus dem Quadratgebildete Achteck, welchem die Regel der „Quadratur" zu Grunde liegt. Deren eigentlicheEntwicklung erfolgt zwar erst unten bei Erläuterung des die Kirchenchor-Construction ent-haltenden Vorlegeblattes xm. R, da indessen die dort gegebene Quadratur schon hier bei der Thurm- undPfeiler-Construction aus dem Vier- und Acht-Ort als deren geometrische Grundform zur Anwendung kam,letzterer Construction aber bei der einmal angenommenen Eintheilung dieses Lehrbuches und den bisherigenAnführungen späterer Capitel keine andere Stelle mehr eingeräumt werden konnte*), so muß schon hier dasNähere zur Begründung der in Tafel xm. II gegebenen Grundriß-Quadraturen als alter, ächter Meister-regeln angeführt werden.
Die Styllossigkeit und die schrankenlose Willkühr, welche die architektonischen Produktionen der modernenZeit seit Anfang unseres Jahrhunderts so sehr zu ihrem Nachtheile charakterisirt, daß man wohl von der (densymbolischen Formenbeziehungen des antiken, wie des gothischen Styles entgegengesetzten) Bedeutungslosigkeitmoderner Bauformen sprechen darf**), ist Schuld, daß manche, die freilich mit dem Wesen des gothischenStyles nicht sonderlich vertraut sind, weder von einer symbolischen Formenbeziehung im gothischen (doch vor-
*) Man wird sich indeß das Studium der Thurm- und Pfeiler-Constructionen erleichtern, wenn man dasselbe erst nach den, die Kirchcnchor-Eonstructionen ent-haltenden, Vorlegeblättcrn XIII. X und L vornimmt.
**) Die Metopen der antiken Tempel wurden gewöhnlich entweder mit Opfergeräthen oder mit Basreliefs, welche sich auf den Gott des Tempels bezogen,verziert. Eben so erklärt sich die Anbringung von Widder- oder Stierküpfen als Verzierung durch ihre symbolische Beziehung auf die mit dem heidnischen Götterdiensteverbundenen Thieropfer (nach deren Vollbringung man die Felle zum Trocknen auf das Tempeldach zu legen pflegte). Wenn dagegen moderne Architecten in sclavischcrNachahmung des Antiken dergleichen Thierköpfe in ihren Bauten anbringen, dann möchte man wohl fragen, auf was sie sich beziehen sollen? Sehr treffend sagtE. A. Menzel in seinem „Versuch einer Darstellung der Kunst-Sinnbilder, Berlin , Posen und Bromberg 1840," Seite 193: „Gänzlich bedeutungslos wurden dieantiken Verzierungen der Säulcnordnungen, als Vignola Palladio, Serlio , Scamozzi , lediglich die antiken Ueberrcste nachahmend, nur ihre äußere Erscheinungberücksichtigten; durch den Umstand, daß die von diesen Baumeistern gegebenen Vorschriften in allen Landern der Christenheit blind nachgeäfft wurden, hatteman cS zuletzt so bequem, daß man bei Erfindung der Verzierungen gar nichts mehr zu denken oder zu überlegen brauchte, und es dachte sich auch wirklich höchstselten Jemand etwas dabei, weil es eben bequem war, und jede sinnbildliche Bedeutung zu Grunde ging. Deshalb ist es gar nichts Seltenes, an christlichen Kirchender letzten Jahrhunderte antike Lpferschädcl, Lpferbinden, Patercn und dergleichen Kram zu sehen, welches Alles an den antiken Tempeln ganz hin gehörig,an christlichen Kirchen aber ganz ohne Sinn und Verstand ist. Ich möchte im entgegengesetzten Falle, wenn wir die Zeiten verwechseln, wohl wissen, was die altenRömer von einem Baumeister ihrer Zeit gesagt hätten, wenn er auf dem Tempel des olympischen Jupiter Kreuze, Monstranzen und dergleichen angebracht hätte? —Nichts desto weniger war man noch bis in daS neunzehnte Jahrhundert hinein in die Antike so völlig vernarrt, daß sich Beispiele, wie die oben angeführten,genug vorfinden ließen."