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Gothisches ABC-Buch, das ist: Grundregeln des gothischen Styls für Künstler und Werkleute / von Friedrich Hoffstadt
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des 1275 begonnenen Regensburger Domes hervor, indem hier zwischen den Gliedern einzelne Theile des überEck gestellten Grundquadrats sichtbar werden. Die in Figur 20 dargestellte Schaftgliederung ist so conftruirt,daß der Abstand der vier Ecken aded des über Eck gestellten Quadrats von dem andern Quadrate, also z. B.der Abstand der Linie A Ii vom Eck e in zwei gleiche Theile getheilt, und aus dem Theilungspunkte mit Oeffnungdes Zirkels bis e der Kreis für die alten Dienste beschrieben ist. Bon den jungen Diensten sind die mittelftenso construirt, daß der Zirkel zu deren Beschreibung auf dem Punkte eingesetzt ist, wo sich die Diagonalliniendes einen Quadrats mit den Umfassungslinien des über Eck stehenden andern Quadrats kreuzen, also z. B.auf dem Kreuzungspunkte f der Linien i K und be. Die zwischen diesen Diensten zu beiden Seiten befindlichenkleineren Dienste lassen sich so construiren, daß man aus dem Centrum einen, die Umfassungslinien Ati undi l» berührenden, Kreis, und durch die Kreuzungspunkte der beiden über einander über Eck gestellten Quadratevom Centrum Linien zieht, also z. B. vom Centrum nach k, nach I, nach m, u. st st, aus den Punkten aber,wo sich letztgedachte Linien mit dem Kreise kreuzen, die Dienste beschreibt (was wegen Kleinheit des Maaßftabs imGrundriß, um letzteren nicht undeutlich zu machen, weggelassen wurde). - Im allgemeinen muß über den Charak-ter der Schaftordnung mit viereckiger Hauptform noch bemerkt werden, daß die Gliederung des Schaftes ent-weder in das über Eck gestellte Quadrat ganz streng eingepaßt (wie im Freiburger und Straßburger Münster ,so wie theilweise auch im Kölner Dome ), oder daß dieses nicht der Fall ist. Die streng über Eck gestelltenGliederungen aus dem Quadrate, und die Gliederungen aus runder Hauptform gehören beide dem 13. Jahr-hunderte an. Ihre Gleichzeitigkeit beweist am evidentesten der Halberftadter Dom, in dessen Langhaus (zweiteHälfte des 13. Jahrhunderts) die Schaftgliederungen auf der, dem Langhaus zugewendeten, Seite ein über Eckgestelltes Quadrat bilden, während sie auf der gegen die Flügel gekehrten Seite die runde Hauptform an sichtragen, und mithin beide Schaftordnungen in sich vereinigen. Bilden jedoch die Gliederungen der zweiten Schaft-ordnung kein streng über Eck stehendes Quadrat (wie in der Dppenheimer Kirche, vergleiche Figur 20), so isthierin die weitere Entwickelung und Fortbildung dieser Art enthalten, welche dem Ende des 13., wie dem Anfangedes 14. Jahrhunderts angehört, und theils Ähnlichkeit mit der reicheren Gliederung aus runder Hauptformhat, theils aber auch den Uebergang bildet zur dritten, nämlich der:

Schaftordnung aus der Quadratur, oder zwei über Eck über einander ge-stellten Quadraten, welche sich im 14. Jahrhunderte entwickelte und durch die Abwechselung von Rund-stäben, Hohlkehlen, Plättchen und Fasen die reichsten Gliederungen bildet, während im 13. JahrhunderteRundstäbe und Hohlkehlen vorherrschend sind. Beispiele dieser reichgegliederten Ordnung bilden die Schäfte desLanghauses der Stephanskirche zu Wien (deren Gewölbe 1358 vollendet wurden) und des S. Veits Domeszu Prag (1344 1386). Genaue Abbildungen der Grundrißconftructionen dieser Schäfte sind bis jetzt nochnicht erschienen, doch entspricht ihre Hauptform ohngefähr dem in der Figur ad 20 gegebenen Grundrisse. »äM.Eine einfache Form solcher Quadratur enthält bereits der Kölner Dom in den Schäften seiner, den jüngstenTheil des Baues bildenden, Flügel (da die Einweihung des Chores 1322 statt fand). Diese Schäfte enthaltenin den acht Ecken der Quadratur vier alte und vier junge runde Dienste, und zwischen den alten Dienstenund Hohlkehlen Plättchen, so wie an einer Stelle neben den Plättchen auch noch Fasen. Durch die beiden, inFigur ud 20 über Eck über einander gestellten, Quadrate adcd und so wie ihre Diagonallinien (eine

Anordnung, die sich bereits bei den Figuren 19 und 20 als Vortheilhaft gezeigt) sind sowohl die besten Anhalts-punkte für eine regelrechte, geometrische Construction, als innerhalb derselben der freieste Spielraum für diePhantasie zu Erfindung der allerreichsten, wie der einfachsten Formen gegeben. Das Quadrat 6 Ii bildetdie eigentliche Schaftstärke und zugleich die Stärke der über die Schäfte durch diekleinen Scheidebögen"*)gewölbten Mauer. Die Profilirung der Dienste ist in den Dreiecken ai 8 und mot enthalten, alles übrige gehörtden Scheidebögen an. Innerhalb der durch die Quadratur gegebenen sicheren, geometrischen Grenzen ist jedeGestaltung möglich; mit Modifikation einzelner Theile kann sie sich auch wieder der Ordnung mit runderHauptform, wie der aus dem über Eck gestellten Vierecke (wenn nämlich die Profilirung der Linien ik, Im,

1o und v8 statt auswärts einwärts gerichtet würde), wie endlich der vierten, nämlich der:

*) Der alte technische Ausdruck für die Bögen, welche daS Langhaus von den Flügeln trennen. Der große Scheidebogen " ist derjenige, welcher den Chor vomLanghaus trennt.

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