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„seyn. Die Reihungen aber, auch vor sich sechsten sind tragend, und mit gleicher Last gegen die angesetzten Pfeiler,„die Mauern drückend, sind nicht so zur Zierrath (die sie einem Baue doch geben) angeleget, alß wohl einen„fast ewig beständigen Bau (wenn sie im Versetzen recht gehandhabet, wie hernach soll gewiesen werden) so was„den Bestand der Gewölber, als auch der Mauern anbelanget, zu erhalten. Weswegen dann die steinmetzen„Künstler sehr bemüht gewesen, sich darin sonderlich zu habilitiren, umb aus dem Grundrisse einer Reihung dero„Ufftrag, und aus dem Ufftrage die Bögen, zu denen schenkeln, mit leichten Vortheil, jedoch Geometrischen Behelfe,„zu gewinnen, fowohl in scheitrechten, als Gewundenen, eine Gewißheit zu erhalten, daß da die Arbeit nur stück„vor stück und schenkelweise gefertigt werden muß, sich dennoch das ganze Werk im Versetzen just zusammen„schicke, und ohne defect und Hinderniß könne versetzt und zusammen gebracht werden." Das Auftragen derGewölbreihungen in den Aufriß, d. h. die Construction der Gewölbschenkel, welche die Rippen bilden, sowohl beidem Kreuz- als netzförmigen Gewölbe, wird nachher, und die im Kirchengrundrisse Figur 1 des VorlegeblattesXIV. II. gegebenen, Gewölbe werden des Zusammenhangs wegen dort erklärt werden. Was endlich die Ausfüllungder Gewölbkappen mit gothischem Maaßwerk betrifft, so eignet sich dasselbe für das eigentliche Kreuzgewölbe(vergleiche Figur 9) insofern nicht so gut, als es sich bei dieser Wölbungsart nicht so vollständig übersehen läßt,wogegen es bei netzförmiger Anordnung des Gewölbes ganz an seiner Stelle ist, indem es hier bei der, imMittelpunkte flacheren, Gewölbbildung ganz sichtbar bleiben kann. Welche Pracht sich hierdurch, namentlich auchfür gewölbte Säle der m'chtkirchlichen Architektur, entfalten ließe, ist bei nur einiger Phantasie einleuchtend, undebenso, wie viel neues man in dieser Art schaffen könnte. Sehr häufig und schön durchgebildet zeigt sich diesesKappen-Maaßwerk bei den palmartig gestalteten Gewölben in der englischen Architektur, bei welchen die zahl-reichen Rippen von den Gewölbanfangen aus fächerartig zu den kreisförmigen Mittelpunkten des Gewölbesdivergiren, welch' letztere flachere Wölbungen bilden (im Englischen tun trucei)). Noch reicher ist diese englischeWölbungsart, wenn sie mit frei herunter hängenden (manchmal durchbrochenen) Gewölbendigungen (peuZuutvuu1tiuK8) versehen ist, welche, da ihnen die stützenden Schäfte fehlen, gleichsam schweben. Wundervoll ist dieaußerordentliche Pracht der Gewölbe dieser Art im coIlege zu Cambridge , und in der Kapelle Heinrichs Vll
in der Londoner Westmünster-Kirche. In Deutschland kommen hingegen nur ausnahmsweise einzelne, zerstreuteVersuche von frei herunterhängenden und durchbrochenen Gewölbtheilen vor. Stets sind dieselben durch oberhalbangebrachte Verankerungen gestützt, und ihre Construction ist demnach keineswegs so schwierig, als sie kühn aussieht,gerade wenn diese Theile durchbrochen sind, was eben sowohl zu ihrer Schönheit beiträgt, als sie leichter macht. Indieser Art sind die schönen Gewölbendigungen in der (jetzt nicht mehr als Kirche benützten) Landauerkapelle zu Nürn berg gestaltet. Noch interessanter ist das hängende Gewölbe in der Leonhardskirche zu Frankfurt a. M. Hier wurdenämlich in der östlichen Kapelle des nördlichen Flügels unterhalb des alten Gewölbes im fünfzehnten Jahrhundertein kappenloses, blos aus freischwebenden Rippen gebildetes Gewölbe errichtet, welches sich in der Mitte zu einer freiherunterhängenden Endigung, mit den Wappen der stiftenden Familie Holzhaufen verziert, vereinigt. Manchmalsind solche Hangwerke nur Ausschmückungen der Gewölbschlußsteine, wie z. B. ein solcher, mit herunterhängendemMaaßwerk verzierter Schlußstein in einem der Flügelgewölbe des Mainzer Domes angebracht ist. ModerneArchitekten pflegen dergleichen Zierden zwecklose Spielereien zu benennen: eine Ansicht, die sehr prosaisch ist, daim Grunde jede reiche Kunftzierde entbehrlich wäre. Weniger empfehlcnswerth ist dagegen der Eindruck vongewöhnlichen Gewölben, wenn ihnen der stützende Schaft fehlt, weil hier die Gewölblast weder durch Maaßwcrk-verzierung gemildert, noch durch Durchbrechung erleichtert wird, und daher nur der Eindruck der stützlosen, lastendenSchwere übrig bleibt. Ein solches Beispiel befindet sich im Kreuzgange der Stephanskirche zu Mainz . (Wie vielübrigens eine zweckmäßige und dabei leichte Gewölbart zu leisten vermag, kann man aus einigen im Kriege vorge-kommenen Fällen ersehen, wo Säulen zertrümmert wurden, das Gewölbe aber unversehrt hängen blieb.)
4. Von, Auftragen der Bögen zu den Gewölbreihungen.
D
as erwähnte, alte Manuskript sagt hierüber: „Das Ufftragen einer Reihung ist, wenn man auß solchen
alß auch wo die schlußsteine zu liegen kommen." Vor allem bemerke ich hier, daß der eigentliche Grund,warum die Steinmetzen der gothischen Periode mit so b-wundrungswürdiger Sicherheit arbeiteten, darin liegt,daß sämmtliche Rippen eines Gewölbes, mochte dasselbe auch aus noch so complicirten und verwickelten, in denverschiedensten Richtungen sich durchkreuzenden Reihungen bestehen, dennoch nach einem und demselben Lehr-bogen gearbeitet wurden, welcher nach dem Schenkel, der sich am längsten gegen das Centrum des Gewölbes streckt,