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noch anzuführen. Eines der Hauptwerke desselben ist das bekannte Schloß zu Marienburg. Als die bedeutendstenGegensätze der kirchlichen und nicht kirchlichen gothischen Architektur erscheinen folgende. Während die Constructiondes Chores eine besondere Eigenthümlichkeit des Baues durch das, ihr zu Grunde liegende, Vieleck enthält, mangelteine solche Bildung dem Häuserbau gänzlich, der entweder nur aus einem, oder bei größeren Bauten aus mehreren,aneinanderstoßenden Vierecken besteht. Während die Kirche einen eigenthümlichen Dachschluß am Chöre hat, undnur auf der entgegengesetzten Frontseite (oder wenn es eine Kreuzkirche ist, gewöhnlich auch bei den Kreuzarmen)der Giebelschluß angebracht ist, zeigt sich der Häuserbau durchaus mit Giebeln gekrönt, also bei gewöhnlichenHäusern die beiden schmäleren Seiten, oder bei zusammengesetzteren, schloßähnlichen Bauten alle irgend hervortre-tenden, oder sonst bedeutenden Theile, daher hier die Durchkreuzung von Giebeldächern, und zwar auch in der Artvorkommen kann, daß dieselben ungleiche Höhen haben. Ferner fällt bei'm Häuserbau in der Regel (wo nicht beson-dere Fälle eine Ausnahme erheischen) der Pfeilerbau gänzlich weg. Den hohen, schmalen, spitzbogigen Fenstern deskirchlichen Styles sind die viereckigen Fenster der nicht kirchlichen Architektur entgegengesetzt, welche in letzteren, selteneAusnahmen abgerechnet, die Regel bilden. Schon oben S. 73 habe ich auf den, heutiges Tages gänzlich übersehenen,Umstand aufmerksam gemacht, daß die viereckigen Fenster unserer modernen Wohngebäude noch ein Ueberbleibsel dergothischen Civilarchitectur sind. Was die Gruppirung und Zusammenstellung der viereckigen Fenster, überhaupt dieweitere Bildung der nicht kirchlichen Fenster betrifft, so habe ich mich hierüber bereits oben S. 138 und 139 verbreitet,und S. 114 und 115 über die Bildung der Thüren oder Thore nichtkirchlicher Gebäude, so wie S. 129 bis 131 aucheiniges über Stiegen bemerkt. Als Gegensatz zu den kirchlichen, beinahe ausschließlich lothrecht getheilten Giebeln,erscheint bei der Behandlung der Häusergiebel deren öftere (die Stockwerke oder Dachböden andeutende) wagrechteUnterbrechung, in welcher Beziehung ich oben S. 52 beispielsweise bemerkte, daß aus diesem Grunde die Gestaltungdes Giebels der Nürnberger Liebfrauenkapelle eigentlich mehr den Charakter der nicht kirchlichen Architektur ansich trage. Zn letzterer besteht die gewöhnlichste Behandlung des Giebels in seiner Begrenzung durch Staffelnoder Zinnen, und es sind demnach die Zinnen, da sie auch bei fehlenden Giebeln Gebäude ringsum begrenzen, nächstdem viereckigen Fensterschlusse als die Hauptelemente der nicht kirchlichen Architektur zu bezeichnen. Eben deßhalbaber unterscheidet sich in England der Kirchenstyl nicht gehörig vom Style der Civil-Architektur, weil dort beiersterem die Zinnen nicht nur beibehalten, sondern als ein Hauptschmuck auf die reichste Art ausgebildet, nämlichmit undurchbrochenem Maaßwerk verziert sind. Der Zinnengiebel des Hauses ist aber dem kirchlichen Giebelentgegengesetzt, dessen Rand in der Regel zinnenlos, und oft mit durchbrochenem Maaßwerk verziert ist, wie z. B.an der St. Lorenzkirche zu Nürnberg , konsequente Durchbildung der nicht kirchlichen Architektur ist es, wenn die,den Giebel lothrecht durchschneidenden, Pfosten oben statt mit Fialen (wie in der kirchlichen Architektur) vielmehr mitkleinen Zinnenthürmchen geschlossen sind, was häufig vorkommt. Wenn übrigens die Behandlung der Civil-Archi-tectur sich auch oft dem Kirchenstyle sehr nähert, so sind doch wieder kleinere Momente vorhanden, die den nichtkirchlichen Charakter nicht verkennen lassen, wie z. B. das reichverzierte, Rathhaus zu Münster beweißt, bei welchem,ungeachtet seines spitzbogigen Fensterschlusses, und der figurengekrönten Fialengestaltung seiner Giebelpfosten, dochder Giebel zwischen den einzelnen Pfosten wagrecht abgeschnitten ist, wenn sich auch oberhalb dieses Abschnittesdurchbrochenes Maaßwerk befindet. Auch endigt der Giebel nicht in einer Spitze, sondern die drei mittelstenFelder mit ihren fialengekrönten Pfosten schließen in einer wagrechten Linie. Entgegengesetzt den Häuser-giebeln ist die vorerwähnte, ursprünglich vom Burgenftyl stammende Art der Wohnhäuser, welche ringsum mitZinnen geschlossen, und dann gewöhnlich auch an den Ecken mit hervortretenden (meist achteckigen) Zinnen-thürmchen versehen sind, welche die Zinnen überragen. Von diesen war bereits oben S. 72 die Rede. Besondersinteressant ist die Behandlung dieser Thürmchen am Gürzenich und am Etzweiler Hause zu Köln . Bei beidenruhen diese Eckthürmchen auf freistehenden Säulen, welche ihrerseits auf Kragsteinen stehen, die aus der Wandhervorspringen, was des Durchbrochenen wegen sehr malerisch aussieht. Bei der vollständigen wagrechten Umgren-zung eines Gebäudes mit Zinnen ist das Dach, wenn es nicht pultartig nach innen in einen Hof abfällt, statt mitGiebeln geschlossen, walmartig nach allen Seiten abgeschrägt. Statt der Zinnen ließen sich Gebäude auch durchförmliche Gallerieen krönen, deren Maaßwerk entweder durchbrochen oder undurchbrochen sein könnte. Die letztereArt läge der modernen Architektur am nächsten. Ein besonderer Schmuck der Hausarchitectur(vergl. das oben S. 73gesagte) besteht in den Erkern. Die gewöhnlichsten sind die, in das Eck des Hauses über Eck gesetzten, viereckigenErker, nach Art des in Figur 9 des Vorlegeblattes IX dargestellten Eckthürmchens. Eine andere Art von Erkerbilden diejenigen, welche an geraden Wandflächen angebracht sind. Diese springen entweder, was am häufigstender Fall ist, bloß kragsteinartig aus der Wand hervor, wie z. B. der schöne Erker am Nassauer Hof zu Nürn berg (1350), welcher unten an seinem Kragsteinende mit einem Kopfe, und oben auf seinem Dächelchen mit einer