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Gothisches ABC-Buch, das ist: Grundregeln des gothischen Styls für Künstler und Werkleute / von Friedrich Hoffstadt
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Architektur, dessen Fassung in Gold, Blau und Roth noch wohl erhalten ist, nebst den Chorstühlen daselbst (1496).Außer den Syrlin'schen Chorstühlen im Ulmer Münster sind auch jene in der Hauptkirche zu Memmingen , undbesonders die in denselben angebrachten Halbfiguren ausgezeichnete Holzschnitzwerke. Sehr reich und voll dermannigfaltigsten Verzierungen sind die vielen Chorstühle, welche sich in der Klosterkirche zu Maulbronn befinden.Auch in den Domen zu Köln , Frankfurt , Bamberg , Augsburg , Constanz , dann im Wiener Münster, in derStiftskirche zu Lauten, so wie in vielen kleineren Kirchen, z. B. zu Moosburg , Ravensburg u. s. w. sind theils aus-gezeichnete, theils interessante Chorftühle. (Unter den abentheuerlichen und ungeheuerlichen Gestalten, welche anChorstühlen vorzugsweise angebracht wurden, fallen bei jenen im Augsburger Dome die carrikirten Köpfe vonsingenden und lesenden Mönchen auf.) Es exiftiren noch viele gothische Holz-Altäre; so jener von Syrlin,welcher unter dem großen Scheidebogen zwischen Chor und Langhaus des Ulmer Münsters steht. Dieser, wieein anderer im Langhaus der Jakobs-Kirche zu Rothenburg a. d. Tauber haben ihre natürliche Holzfarbe.An letzterem kommt die Curiosität vor, daß bei seiner Hauptvorstellung des Abendmahls die, in der Rückwandangebrachten, Fenster mit wirklichen, kleinen runden Glasscheiben versehen sind. In derselben Kirche befindet sichim Chöre ein in Gold und Farben (auf weißem Grund) gefaßter Holz-Altar, dessen Hauptbestandtheil jedoch inden schönen, gutconservirten Gemälden von Friedrich Herlen (1466) besteht. Auch in der Kirche zu Schwabach befindet sich ein gothischer Holzaltar mit ähnlicher Farbenfassung, welcher gleichfalls Gemälde, nämlich von Wohl-gemuth (15061508) enthält. In der Hauptkirche zu Moosburg in Bayern steht im Chöre ein sehr hochgestreckter,gothischer Altar mit Holzfiguren; ein ähnlicher befindet sich in der Hauptkirche zu Heilbronn am Neckar . Sehr ausge-zeichnet, sowohl hinsichtlich seiner Architektur, als kleiner Statuen ist der gothische Holz-Altar in der Kirche zuOberwesel am Rhein . Auch die Kirche zu Fanten besitzt einige gothische Holzaltäre. Ein sehr interessantes Beispieleines holzgeschnitzten, reichen Kanzel-Schalldeckels ist jener im Ulmer Münster von Jörg Syrlin dem Jüngeren,welcher gleichsam eine Kanzel im Kleinen mit der zu ihr führenden Treppe enthält. Am wenigsten Ueberreste habenwir von gothischen Mobilien aus dem Mittelalter gerettet. Bei der Composition von solchen hat man sich vor demmodernen Fehler zu hüten, die Möbel mit so vielen Spitzen und Ecken zu überladen, daß sie dadurch für denGebrauch unpraktisch werden: ein Fehler, welcher das Publikum zu dem Glauben verleitet, als liege das Unprak-tische in dem gothischen Style selbst, während es doch nur aus unserer mangelhaften und verkehrten Auffassungdesselben herrührt. Um wie viel reicher und schöner würden sich die Thronhimmel in fürstlichen Residenzenausnehmen, wenn sie statt des jetzt gebräuchlichen antik-modernen oder Haarbeutel-Styles vielmehr nach Analogieder gothischen Baldachine und Tabernakel gestaltet würden. Unter die Mobilien im altdeutschen Style und Sinnegehören auch Wandbänke mit gothischer Schnitzarbeit, von welchen in der Beste zu Salzburg in den ehemaligenbischöflichen Zimmern interessante Beispiele erhalten sind. Für eine Gestaltung in diesem Style eignen sich besondersauch Häng- oder Wand-Schränke. Einige dieser Art habe ich, theils mit holzgeschnitztem, durchbrochenem Maaßwerkder Thürflügel, theils mit bloßer Bemalung derselben ausgeführt. Bei letzterer Manier kann man die Conturendes Maaßwerks (ohne alle weitere Zubereitung des Holzes) mit Lusche auf dasselbe zeichnen, die Schatten leichtmit angeben, und den Grund zwischen dem Maaßwerk mit (rother oder blauer) Nürnberger Muschel-

farbe ausfüllen. Die Seitenwände solcher Wandschränke läßt man am besten unterhalb des Schrankes noch einStück weiter fortlaufen und schneidet sie kragsteinartig aus, während man das oberste Gesims des Schrankesmit einem Zinnenkranz zieren kann. Von schöner Wirkung ist auch, wenn solche Schränke in die Wand eingelassensind, und die mit Maaßwerk durchbrochenen Thürflügel eine Fläche mit der Wand bilden. Von der Decorirungxxxv. von Zimmerwänden habe ich in der obern Hälfte des Vorlegeblattes XXXV ein Beispiel gegeben, welchesich seinerzeit für die Verhältnisse der Zimmer eines Landschlosses entwarf. Wegen Mangel an Raum fehlt hierder untere Theil vom Fußboden bis ay das Fenster, welcher als Holzvertäfelung in ähnlicher Weise, oder nocheinfacher gestaltet werden kann, als es bei dem Sockel in der untern Hälfte des Vorlegeblattes xxxv geschah.Die in der obern Hälfte dargestellte Wand mit dem Fenster kann entweder vollständig aus Holzvertäfelungbestehen, oder es brauchen auch nur die einzelnen lothrechten, wie die oberen zwei Quer-Leisten (einschließlich desSchlußgesimses) als Holzleisten, und das sie verbindende Maaßwerk als durchbrochene Schnitzerei auf der Wandbefestigt zu werden. Der Durchschnitt dieser Theile ist am Rande der rechten Seite angegeben. Bei letztererBehandlung würde sich für einen gemalten Grund, oder für wirkliche Tapeten, ein solches Muster eignen,welches eine Nachahmung der mittelalterlichen, mit goldgepreßten Verzierungen geschmückten, Ledertapetenenthielte. Man könnte aber auch jene Art von Pariser Holztapeten anwenden, welche in papierartig dünnenHolzfournüren bestehen. Die Biegung in den Ecken der Fenster habe ich angebracht, um eine Uebereinstimmungmit den Eckverzierungen des, das Fenster umgebenden, Leistenwerks hervorzubringen, welches den Schlußverzie-