XII
Dagegen sind die Flügel der im Grundrisse ein Kreuz bildenden Kirche, sowie der Untersatz der dem Chöreentgegengesetzt liegenden Thürme, deren Glockenstimme das Volk von der Außenwelt herbeiruft, am füglichstennach dem Viereck als dem Symbole der Welt geschlossen, insofern gerade an diesen Theilen die Portaleangebracht sind, durch welche die aus der Welt kommende Gemeinde in die Kirche eintritt, wo sie sich durchdas Gebet zum Heiligen erhebt. Gleichwie also Weltliches und Heiliges sich hier einen, so sind die Symboledes Heiligen und Weltlichen, Dreieck und Viereck, in den Grundformen des Kirchenbaues mit einander ver-bunden. In der emporragenden, hohen Gestaltung des ganzen Baues aber, welcher sich ausdehnt zum riesen-großen Thurme und hier die einzelnen Bestandtheile in der mit dem fernen Blau des Himmels durchbrochenen,kreuzgekrönten Thurmpyramide vereinigt, liegt von selbst das Symbol der Erhabenheit, des Losreißens vomIrdischen und Aufstrebend in höhere Regionen!
Schlüsse der Thüre des Ruprcchtsbaues im Heidelberger Schlosse, nur daß dort die zwei in Stein ansgehauenen, auf einem Wölkchen schwebenden, Engeleinen mit fünf Rosen versehenen Kranz in den Handen halten und der eine Engel einen Zirkel in zwei dieser Rosen einsetzt (was man wohl mit Recht aufdie dem Ruprechtsbaue — oder wenigstens einem Theile desselben — zu Grunde gelegte -Regel des Fünfecks bezogen hat), wahrend hier der von beiden Engelngehaltene Zirkel nach dem Sechsecke geöffnet ist. Nämlich die Gewandung des Kreises, innerhalb dessen die Engel sich befinden, ist mit einem Kranze von Laubwerkausgefüllt, in welchem sechs Rosen genau so angebracht sind, daß deren Mittelpunkte, wenn sie durch Linien verbunden waren, ein reguläres Sechseck bildenwürden, und durch die auf zwei solcher Mittelpunkte eingesetzten Zirkclspitzen ist daher eine Seite des Sechsecks bezeichnet. Das Sechseck, oder, was dasselbeist, zwei sich durchkreuzende Dreiecke, bilden also die geometrischen Grundfiguren, welche (mit den ihnen entsprechenden arithmetischen Verhältnissen 3 und 6)der Composition untergelegt sind. Die Breite der, das Ganze einfassenden, Gewandung beträgt den dritten Theil des innern Raumes, welcher zwar zunächst inzwei Quadrate zerfallt, aber, indem er von dem oberen, so viel als nöthig, für die Inschrift abgicbt, doch in drei Hauptthcile zerfällt, nämlich in den unterstenfür die Engel, in den mittleren für die Inschrift und in den obersten für die Schlußvcrzierung. Hier kann die Bemerkung nicht unterdrückt werden, daß Raumefür Inschriften überhaupt nur die für das jedesmalige Bedürfniß erforderliche Größe enthalten sollen, und daß es daher gänzlich ftyllos ist, wenn man, wie beigothisch sein sollenden Compositioncn so oft zu sehen ist, Inschriften ohne weiteres in Portal- oder Fensteröffnungen hinein setzt. Zn der untersten Abtheilungdes innern Raumes sind die neben dem großen Kreise in den Ecken angebrachten kleinen Kreise mit sechs Nasen (über diesen Ausdruck siehe die Erklärungauf Seite 15 des Textes), und die neben den kleinen Kreisen befindlichen dreieckigen Räume mit drei Nasen ausgefüllt. In der Verzierung der geschweiftenBögen, mit welchen die oberste Abtheilung des innern Raumes geschlossen ist, spricht sich innerhalb der beiden Kreise das Sechseck deutlich als aus zwei(geschweiften) Dreiecken construirt aus, welche durch ihre Durchkreuzung oder Ucbcrcckstellung über einander wie-er sechs kleinere Dreibögcn bilden. Auch diekleinen Kreise in den Winkeln zu beiden Seiten der großen Kreise sind mit drei Nasen ausgefüllt. Die, der Form der geschweiften Bögen zu Grunde liegenden,Spitzbögen sollten eigentlich aus dem gleichseitigen Dreiecke construirt sein. Da jedoch der vorhandene Raum nicht hinlängliche Höhe für die Anwendung dieserConstruction enthielt, so wurde wenigstens die Dreitheilung angewendet, nämlich die Bogenweite in drei Theile getheilt, und aus den, dadurch innerhalb derselbensich ergebenden, zwei Punkten der, der Bogenschwcifung zn Grunde liegende, Spitzbogen beschrieben (vergleiche dasjenige, was im Texte zum Vorlcgeblatte IVüber die Anwendung und Anordnung der Spitzbögen mit Giebeln und der geschweiften Bögen, besonders in Bezug auf beengte Raumvcrhältnisse, gesagt ist).Die Höhe der geschweiften Bögen, vom Anfange des Wasserschlags an gerechnet, entspricht einer Seite des durch die sechs Rosen im großen Kreise der unterstenRaumabthcilung angedeuteten Sechsecks. Die geschweiften Bogenkantcn aber sind mit je sechs Blumen abgcblattct, und die hinter denselben befindlichen Wändein je sechs Felder eingetheilt. Die, die Laubgewandung zu beiden Seiten begrenzenden, Nundstäbe (was sie bei ihrem Hervortreten aus dem Sockel sind)wurden gewunden, und so gleichsam als gewundene Pflanzenstengel behandelt, was in Verbindung mit reichem Laubwerk wie hier und bei einer bloß decorativcnZeichnung noch am ehesten zu rechtfertigen ist, indem außerdem die sonderbare Eigenschaft der gewundenen Stäbe, schief zu scheinen, sie für die Anwendungbei der wirklichen Architektur gerade nicht empfiehlt. Uebrigens sind nicht bloß die geometrischen Verzierungen dieser Composition, sondern eben so auch derenvegetabilische aus dem Dreiecke construirt. So bestehen die in dem untersten großen Felde angebrachten Rosen sowohl in ihren äußern, als innern Kreisen auSje sechs Blattern, und denselben liegen daher zwei sich durchkreuzende Dreiecke, oder die Sechstheilung des Kreises zu Grunde. Die Hauptblättergruppen desLaubkranzes in der Mitte sind aus je drei Blättern zusammengesetzt, und die großen Blattgruppen des Laubwerks in der Einfassungsgewandung sind sämmtlichaus spitzbogigen Dreibögen construirt, von welchen jeder einzelne wieder je drei Blätter enthält. Hieraus dürfte hinlänglich erhellen, daß von willkührlicherVerzierung im gothischen Style durchaus keine Rede sein kann, — daß es vielmehr stets bestimmte Regeln sind, welche in jeder Composition konsequent durch-geführt sein müssen, wenn man sich anders nicht dem Vorwürfe unverstandener, todter Nachahmung der alten Meisterwerke aussetzen will.