XI
in einer aus dem fünfzehnten Jahrhunderte herrührenden Urkunde*) der freien Maurer in England alsdas Geheimniß der Brüderschaft bezeichnet: „die Wissenschaft der Natur, das Verständniß der Kraft,die in ihr ist, und ihrer besondern Wirkungen, besonders die Wissenschaft von Zahlen, Gewichten undMaaßen", und es wird ausdrücklich auf die Nutzanwendung dieser Kenntniß bei „Wohnungen und Gebäu-den aller Art" hingewiesen. Bei dieser Erkenntniß der alten Meister mußte ihnen die Symbolisirunghöherer Ideen **) durch ihre Kunstwerke um so näher liegen. Sie suchten in den geometrischen Grundfiguren,welche sie zu den Grundformen ihrer Werke gebrauchten, ihre tiefere symbolische Beziehung auf, und wähltennach letzterer diese oder jene Grundformen für die Construction dieses oder jenes Werkes. Der rechte Winkelgalt als Symbol der Wechselwirkung, deren Produkt sich im rechtwinklichen gleichschenklichen Dreiecke ergab.Die Urgestalt des Kreises wurde als Symbol des Weltalls und der göttlichen Macht über dasselbe betrachtet.Das gleichseitige Dreieck - in welchem drei (Linien) als eines erscheinen - war schon den alten Pythagoräern,als Sinnbild der Minerva, Symbol der Weisheit, und seit Einführung des Christenthums das höchste Symbol,jenes der heiligen Dreieinigkeit. Das Viereck ist Symbol der Welt und Natur in ihren vierfachen Beziehungen,den vier Elementen, den vier Weltgegenden, den vier Jahreszeiten, den vier Tageszeiten. Das aus demFünfeck gebildete Pentalpha galt schon in den Zeiten des heidnischen Alterthums als Symbol der Gesundheit,und seit Einführung des Christenthums als Symbol des Heils und Glücks. Das Siebeneck ist bedeutend,weil die Zahl 7 wegen ihren tiefen Beziehungen (die sieben Planeten, die sieben Geister Gottes, die siebenSchöpfungstage, die sieben Arme des Leuchters im Bundeszelte, die sieben Gaben des heiligen Geistes, diesieben Sakramente u. s. w.) schon in den Zeiten des Alterthums als die heiligste der Zahlen angenommenwar. Was endlich die in unsern alten Werken angebrachten Gestalten aus dem Reiche des Lebendigenbetrifft, so dienen die theils wirklichen, theils phantastischen Thiergestaltungen und Ungeheuer häufig zurSymbolisirung der rohen Naturkraft, sowie der bösen Geister, hinsichtlich deren bei Einweihung der Kirchendas Gebet an Gott ergeht, dieselben fern zu halten. Die angewendeten menschlichen oder himmlischenGestalten aber dienen jener höheren Symbolik, welche den gothischen Styl vorzugsweise zum christlichenerhebt. Diese höhere Symbolik spricht sich auch schon aus in der Richtung der Kirchenchöre gegen Osten,von wannen die christliche Religion gekommen, — in der bedeutungsvollen Kreuzesgestalt, welche sowohlgrößeren Domen als Grundriß dient, als auch im Kleinen als Grundgestalt einzelner Theile (z. B. derKreuzblumen auf den Spitzen der Fialen, Giebel und Thürme) vorkommt, — so wie in der bei den Grund-formen von Kirchenbauten in der Regel gleichzeitigen Anwendung der beiden Hauptformen des Drei-undVierecks als Symbole der Dreieinigkeit, und der Welt und Natur. Diese Vereinigung oder Durchkreuzungder letzteren in einem und demselben Werke findet bereits in der Geometrie ihre Vorbilder, z. B. im Körperdes Archimedes, der aus der Vereinigung von achtzehn gleichen Quadraten und acht gleichen, gleichseitigenDreiecken besteht, und ein ähnliches Verhältniß ist auch bei wirklichen Naturbildungen insofern vorhanden,als z. B. der Würfel aus zweimal drei Quadraten und das Teträdrum aus vier Dreiecken besteht, wodurcheine Beziehung geometrischer Grundfiguren zu arithmetischen Zahlenverhältnissen, nämlich des Quadratszur Zahl 3, und des Dreiecks zur Zahl 4 gegeben ist. Bei der Vereinigung des Drei- und Vierecks beimKirchenbau aber ist noch besonders bemerkenswerth, daß beide einen dreiseitigen Choresschluß abgeben. DasDreieck in seiner Entfaltung zum Sechs-, Neun-und Zwölfeck ist als Symbol der Dreieinigkeit die passendsteGrundform für die Construction des Chores als Sitz des Allerheiligsten, und mithin auch aller dem religiösenCultus vorzugsweise angehörenden Bestandtheile, wie der Kanzeln, Tabernakel, Monstranzen, Kelche,u. s. w., sowie vornämlich für die Bildung der Altäre selbst, welche, auch wenn deren unterster Grundriß nichtaus Dreiecken, sondern Vierecken besteht, doch in ihren übrigen Bestandtheilen und Gliedern, Höhenverhält-nissen, und namentlich in ihren Verzierungen aus sich durchkreuzenden Dreiecken construirt sein können ***).
*) Die Authenticität dieser, öfter abgedruckten, Urkunde wird in Krausc's drei ältesten Kunsturkunden der Freimaurerbrüdcrschaft, Dresden 1820,Band I. Abtheilung 1. S. 13 bis 113 nachgewiesen, woselbst auch deren wörtlicher Inhalt im altcnglischcn Texte (nebst deutscher Uebcrsctzung) aufgenommen ist.
**) Das tiefste, was über die Symbolik in der christlichen Kirchenbaukunst geschrieben wurde, ist in Görrcs Recension „der Geschichte und Beschreibungdes Doms von Köln von 8ulj>. Koi88erev" in den Heidelberger Jahrbüchern der Litteratur, Jahrgang 1824, No. 60, 61, 62, und Jahrgang 182ö, No. 36,37, 48, 49 und 50 enthalten; es wäre zu wünschen, daß diese Abhandlung besonders abgedruckt würde.
***) Als Beispiel einer, nach sich durchkreuzenden Dreiecken durchgeführten, Verzierung eines übrigens viereckigen und auch seiner Haupteinthcilungnach aus zwei Vierecken bestehenden Raumes mag die Zeichnung zum Titelblattc gegenwärtigen Werkes dienen. — Durch die Art, wie die beiden Engel denZirkel halten, ist symbolisch die Bedeutsamkeit der Grundregel des Drei- und Sechsecks ausgedrückt. Eine ähnliche Vorstellung befindet sich am spitzbogigen