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Gothisches ABC-Buch, das ist: Grundregeln des gothischen Styls für Künstler und Werkleute / von Friedrich Hoffstadt
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andern Bauten jenes Zeitalters beweisen) noch sehr unentwickelt und fast roh, theilweise noch allzusehr anantike Ornamentik erinnernd, und theilweise zu offenbar den Charakter bloßer Naturnachahmung an sich tragend.Die strengere Durchführung des Wasserschlags (mit Verbannung von Carnisen-und Wulstenformen), diezierlichere Gestaltung des Maaßwerks geometrischer Verzierung, besonders der Nasen (vergleiche das zum Vor-legeblatt VI über deren Conftruction nach den verschiedenen Perioden des Styles gesagte), und die sorgfäl-tigere Ausbildung und Stylisirung des Laubwerks, alles dieß fand erst in der folgenden Periode seine schönsteEntfaltung. Doch soll hiemit keineswegs der spätern übertriebenen Verkünstelung, und namentlich nicht demin der spätesten Periode zu überwiegend hervorgetretenen Charakter des pflanzenartigen im Style, das sichbesonders auch durch das erst in dieser letzten Periode vorkommende Aeftwerk zeigte, das Wort geredet sein;allein man darf auch nicht gänzlich übersehen, daß verschiedene Perioden während der Herrschaft des gothischenStyles sich doch sehr bestimmt geltend gemacht haben, und es scheint natürlich, daß weder die erste, noch die letzte,dem Verfalle nächste, Periode die vollkommenste sein konnte. Wenn daher auch die Periode des Kölner Doms in Anordnung der Massen und Haupttheile, so wie als kirchliche Architektur, unbedingt die höchste Potenzdes Styles bildet, so erhielten doch dessen einzelne Bestandtheile, wie angedeutet wurde, erst später ihrevöllige Ausbildung. Die Verbindung des Spitzbogens mit dem Giebel gehört vorzugsweise der kirchlichenArchitektur an und wird also nur da die passendste sein, wo der Eindruck religiösen Ernstes hervorgebrachtwerden soll. Gefälligere Formen enthalten die geschweiften Spitzbögen (von welchen in den beiden folgendenAbschnitten die Rede ist), welche daher im Felde der weltlichen Architektur oder der Decorkrung überhauptgewiß sehr vortheihaft angewendet werden können. Uebrigens muß bei jeder Aufgabe im Fache der Architekturoder der Decorirung, und selbst bei blosen Malereien und Zeichnungen außer dem vorgesetzten Zwecke auchder gegebene Raum entscheiden, welche Art von Bögen die anwendbarste ist. Anders als aus dem gleichseitigenDreiecke conftruirter Spitzbögen kommen an Gebäuden des gothischen Styles aus dessen schönsten Periodenvor. Eine höhere, als aus dem gleichseitigen Dreiecke oder Quadrate hervorgehende, Spitzbogenform, wie dieFiguren 12 und 13 enthalten, ist ohnehin nur möglich, wo der gegebene Raum keine Beschränkung der Höhen-verhältnisse mit sich bringt, oder wo sich, wie oben bemerkt wurde, eine solche höhere Form bei reicher Profi-lirung von Bögen für deren innersten Glieder zufällig von selbst ergiebt. Die Construction des Bogens Figur 11,,beruht, wie bereits in der Figur 13 des Vorlegeblattes enthalten ist, auf zwei sich durchkreuzenden oder überEck über einander gestellten Quadraten, welche hier mit nde 6 und 6 fKk bezeichnet, und von welchen die Ecken6 und k die Constructionspunkte sind, indem aus 6 der Bogen k I, und aus li der Bogen i t gezogen wird.In Figur 12 ist die Distanz a d bei e in zwei gleiche Theile getheilt, sodann einer dieser Theile von u nach d, 12und einer von d nach 6 getragen, aus 6 aber der Bogen b f, und aus 6 der Bogen n f beschrieben.InFigur 13 ist die ganze für den Bogen bestimmte Weite a 1> von n nach o, und von d nach 6 getragen,aus e aber der Bogen b e, und aus 6 der Bogen u 6 beschrieben.

7. Construction geschweifter Bögen und deren Anwendung.

on der Anwendbarkeit geschweifter, namentlich niedrig geschweifter Bögen gilt das nämliche, was vonjener des gedrückten Spitzbogens gesagt worden ist. Schon oben wurde die große Brauchbarkeit desgeschweiften Bogens erwähnt, indem demselben jede beliebige, niedrige oder hohe Form, je nachdemes dem vorgesetzten Zwecke am entsprechendsten ist, ertheilt werden kann. Die geschweifte Form von Figur 14unterscheidet sich von jener der Figuren 15,16,17, ud 17, 24 und nck 25 dadurch, daß die Schweifung aufkeinen vollständigen Bogen, sondern nur an Bogentheile angesetzt ist. Diese Form gehört zu den spätesten desgothischen Styls, und findet sich gewöhnlich bei Hausthüren. Theile die Distanz u!> bei e in zwei gleiche,Hälften, und u 6 und e b bei 6 und 6 abermals in gleiche Hälften. Sodann setze den Zirkel mit dem einenFuße in 6, öffne ihn bis 6, und mache mit dieser Zirkelöffnung einen Zirkelschnitt mit dem andern Fußein f; verfahre desgleichen von e aus und mache einen Zirkelschnitt in K, so wie einen solchen von e aus in !r.Den Zirkelschnitt k aber durchkreuze in lothrechter Richtung zu e, und mit der Zirkelöffnung von e nach ckoder 6 durchkreuze endlich aus k die Zirkelschnitte k und K. Aus den vier Punkten 6 e, mithin aus demQuadrate, werden nun sämmtliche Bögen gezogen. Zuerst ziehe in der Mitte zwischen 6 und f, dann zwischene und K kurze Linien bei i und k, welche die Punkte sind, wo sich die Schweifung absetzt. Hernach beschreibemit der Zirkelöffnung von u nach ä sämmtliche Bögen, nämlich aus ä den Bogen a i, aus 6 den Bogend k, aus f den Bogen i!, und aus § den Bogen k 1i.In den Figuren 15 und 16 ist die Schweifungauf einen Rundbogen aufgefetzt. Schon oben wurde erwähnt, daß man selbst auf flache Bögen Schweifungen

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