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Gothisches ABC-Buch, das ist: Grundregeln des gothischen Styls für Künstler und Werkleute / von Friedrich Hoffstadt
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1. Gliederung mit Schneide und Hohlkehle.

i. lese ist die für den Anfänger am leichtesten zu begreifende Form, in welcher zugleich der Schlüssel

^ M H für alle übrigen, complicirteren liegt. Da die Pfosten und sämmtliche Glieder, wie aus dem Grund-risse der Figur k ad 1 ersichtlich ist, in zwei Hohlkehlen bestehen, welche sich zu einer Schneidevereinigen, folglich auf eine Linie auslaufen, so wird zuerst die ganze Form, welche man der Verzierung gebenwill, als eine einzige, zusammenhängende Linie gezeichnet, wie Figur 1 zeigt, welche gleichsam das Skeletder in Figur bad 1 vollendeten Verzierung enthält. Mit einem solchen, eine einzige, zusammenhängende Liniebildenden Skelete muß begonnen werden, wenn der Anfänger die oft so reich gegliederten, für das ungeübteAuge sich verwirrenden, vielfachen Linien der Verzierungsgliederungen des gothischen Stples schnell fassen soll.Sämmtliche in Figur 1 vorkommende Spitzbögen sind auf der gemeinschaftlichen Bogengrundlinie a 0 errichtet*),was nothwendig ist, wenn das Verhältniß der verschiedenen Bögen zu einander schön sein soll. Es kommt zwarnicht selten vor, daß die kleineren Spitzbögen einer Verzierung auch auf einer tieferen, als der Grund-Linie desgrößten, die andern umfassenden, Bogens conftruirt sind, allein das Verhältniß nimmt sich alsdann wenigergut aus. Daß aber Bögen innerhalb des äußern Bogens auf einer höheren, als der Grund-Linie desselben errich-tet wären, eine solche Construction ist in alten Werken nirgends anzutreffen, und muß als unschön und ganzfehlerhaft bezeichnet werden. Die Figuren 1 bis 4 stellen eine und dieselbe Verzierung, nur mit dreifach ver-schiedener Gliederung, vor, und enthalten eine Vereinigung nur der einfachsten und gewöhnlichsten Formenin einem Felde, wobei es sich von selbst versteht, daß die hier gegebene Anzahl von Pfosten noch auf unendlichviele andere Arten, als hier geschehen, zu Verzierungen im Schlußfelde sich hätten vereinigen lassen. Da diegeometrische Verzierungsweise des gothischen Stples der leichteste und bekannteste Theil desselben ist, und bereitseine sehr große Anzahl von solchen Verzierungen in den vielen Werken über gothische Architektur abgebildetist, so wird es eben so leicht ausführbar, als sehr zweckmäßig sein, auf die in vorliegendem Blatte gezeigteMethode den Anfänger recht viele verschiedene Verzierungen, und zwar nicht mit Lineal und Zirkel, sondern«ü i. aus freier Hand zeichnen zu lassen. Hat man nun, wie in Figur 1 geschehen, diejenige Hauptform, welchedie ganze Verzierung erhalten soll, in einer einzigen, zusammenhängenden Linie entworfen, dann schreite manzur zweiten, in der Figur sd 1 dargestellten, Aufgabe, welche darin besteht, die in der Figur 1 enthaltenen Linienzu beiden Seiten .mit Hohlkehlen zu versehen, d. h. links und rechts von den Linien des Skelets (Figur 1),die äußersten Schlußlinien abgerechnet, noch zweite Linien zu ziehen. Sind diese Linien ringsum gezogen, dannwerden sie um ihre Mittellinien herumlaufen, ohne dieselben zu berühren, wie ein an den Rand gezeichnetes,mit t bezeichnetes Stück aus der ganzen Verzierung darstellt. Da aber da, wo die verschiedenen, zusammen-stoßenden Verzierungslinien Winkel bilden, durch die auf beiden Seiten der Schneide oder Mittellinie laufen-den Linien der Hohlkehlen sich jedesmal in den Ecken oder Winkeln kleine Linien bilden, welche in den Winkelndie beiden links und rechts befindlichen Linien mit der Mittellinie vereinigen, wie in dem andern an den Randgezeichneten, mit u bezeichneten Bruchstücke gezeigt ist, so müssen, wie in der Figur ud 1 geschehen, in sämmt-lichen, in der ganzen Verzierung vorkommenden, Winkeln die Nebenlinien mit der Mittellinie durch kleined »ä i. Striche verbunden werden, was in der Figur ud 1 geschehen ist. Hierauf folgt die dritte und letzte, in derFigur d ad 1 dargestellte Aufgabe, welche darin besteht, die Nasen (siehe die an den Rand gezeichnete, mitv bezeichnete Figur) in die verschiedenen Räume hineinzuzeichnen**), was jedoch nur bei jenen Räumen geschieht,welche dazu verhältnißmäßig groß genug sind, indem die kleineren, oder gar zu unregelmäßigen Räume, wieaus den Figuren b ad 1, b ad 2 und b ad 3 ersichtlich, leer gelassen werden. Manchmal aber werden auchRäume, wie die in der Figur d nd 1 mit d bezeichneten, nicht mit Nasen ausgefüllt, obwohl sie groß genugdazu wären, weil eine Nasenausfüllung sämmtlicher Theile selten sich gut ausnimmt, und gerade die Ab-wechselung verzierter und nicht verzierter Theile eine schöne Wirkung hervorbringt. So wurden z. B. in derFigur ii nd 2 vier kleinere Räume, welche in den Figuren b ad 1 und b nd 3 mit Nasen ausgefüllt worden,leer gelassen, und diese sparsamere Anwendung von Verzierung gereicht der Figur d nd 2 vor den Figuren !rnd 1 und d nd 3 vielleicht gerade zum Vortheile. Wie sich die Maaßwerksverzierungen aus den einfachen

*) Der große Bogen ist aus u und b, nämlich aus n das Bogenstück k c und aus k> das Bogenstück rc c, der kleinere Bogen aus u und 6, nämlich ck saus r>, und u s aus ci, der kleinste Bogen aus u 5, nämlich f Z- aus n und n K aus f construirt. Der über zwei kleinen Bögen und unter einem mittlerenbefindliche spitzbogige Drcibo-gen aber ist aus seinen drei Ecken mit der nämlichen Zirkelöffnung, mit welcher die kleinen Bögen beschrieben sind, construirt, indemder Bogen § s aus k, e b aus x, und ^ k aus e gezogen ist.

**) Die geometrische Construction der einzelnen Theile ist in der Figur b uck 1 durch Linien und Kreuzstriche angedeutet, und es wird hier hinsichtlich des Vier-bogens in der Mitte noch bemerkt, daß die Oeffnung des Zirkels, mit welcher dessen vier Bögen beschrieben sind, die nämliche ist, mit welcher auch der mittclsteKreis, der die Endigung der Nasen bestimmt, gezogen wurde. Das Ausführlichere hierüber ist bereits oben in der Erklärung zum Vorlegeblatte Ikl enthalten.