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Gothisches ABC-Buch, das ist: Grundregeln des gothischen Styls für Künstler und Werkleute / von Friedrich Hoffstadt
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45
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Schafte mit Kapitalen, wie das in Figur 2 dargestellte (das nach der oben enthaltenen Erläuterung theil-weise durchbrochen sein könnte), jedoch so gestaltet, daß der oberste (allenfalls weniger stark ausgeladene) Theildes Kapitalgesimses mit den Gewölberippen in Verbindung gebracht wäre, so würde eine solche Anordnunggewiß von guter Wirkung und nicht gewöhnlich sein. Eigentlich ausgeladene Schäfte (gleichviel welche Gestaltletztere haben) sind nur diejenigen, bei welchen der ganze Gewölbanfang über den Schaftkörper ausgeladenist, und alsdann kann die Ausladung durch bloße Gesimsgliederung (wie z. B. in den Figuren 14 und 15des Vorlegblatts VII, oder in Figur 14 des Vorlegblatts VIH), oder durch eine mit Laubwerk verzierte Gesims-gliederung, oder endlich durch ein Kapitäl gebildet werden, welches entweder nur mit Maaßwerk, oder theilsmit Maaß-, theils mit Laub-Werk (wie Figur 2) verziert, und allenfalls teilweise durchbrochen werden mag.Eigentliche Laubkapitäle (wie Figur 3.5) können nur in den wenigsten Fällen anwendbar sein, und sind in derRegel für einzelne, kleinere Theile, z. B. Bild - oder Fialen - Säulen bestimmt. Theilweise Ausladungen dagegenkommen bei sehr vielen Schäften vor, nämlich solche Ausladungen, die nur durch vorstehende Gewölberippengebildet werden, welche entweder mit dem Schafte durch gemeinschaftliche Gesimsgliederung verbunden, odergesondert ausgekragt, d. i. mit Kragsteinen gestützt sein können (von den Engländerneorkeled" genanntvon eordels, Stein oder Tragholz). Eine Verbindung einzelner, vorstehender Gewölbtheile mit dem Schaftedurch gemeinschaftliche Gesimsgliederung ist in Figur 14 gegeben, wo, wie der Grundriß zeigt, zwar die meisten,doch nicht alle Gewölbtheile vor dem Schafte vorstehen, indem sie wenigstens mit dessen Ecken bei den Gewölb-anfängen zusammentreffen. Noch einfacher ist die Verbindung ausgeladener Gewölbtheile mit dem Gewölb -schafte durch bloße Wasserschläge, wie Figur 12 zeigt, deren Grundriß mit dem von Figur 14 ganz gleich ist.Figur 16 hingegen enthält ein Beispiel von ausgekragten Gewölberippen. Will man ununterbrochene, d.i. kapitäl-oder gesimslose Schäfte für Gewölbe in Sälen anwenden, so wird es allerdings schwieriger sein, einen Gegen-satz zur kirchlichen Architektur zu begründen. Zunächst würde wohl die Frage sein, welche unter den verschie-denen Arten von ununterbrochenen Schäften (die unten bei den Schäften der kirchlichen Architectur vorkom-men werden) sich am besten für die nicht kirchliche Architectur eignen würden. Als solche erscheinen wohl dievöllig runden Schäfte der spätern gothischen Periode, bei welchen die Gewölberippen in den runden Schaft-körper verlaufen, oder, was dasselbe ist, aus dem runden Schaftkörper herauswachsen; denn der kreisrundeSchaft ist wohl derjenige, der dem Wesen der gothischen Kirchenarchitectur am wenigsten entspricht. Ein Beispieldieser Art ist in Figur 15 gegeben. Die Figuren 10 und 13 enthalten die einfachste Art eines Gewölbe-schaftes, welche denkbar ist. Beide bilden einfache Achtecke, von welchen jedoch, wie die Begleichung der ^Grundrisse 10 und 13 zeigt, das Achteck 10 über Eck gestellt ist. Die Ecken dieser Achtecke bildenzugleich die Schneiden oderGräde" der Gewölbe (welche demnach nicht mit Rippen versehen sind). Esversteht sich aber von selbst, daß die Ecken dieser Achtecke auch (und zwar fortlaufend von unten bis hinaufin die Gewölbe) profilirt sein könnten, wodurch sich eine nicht gewöhnliche, und gewiß nicht unschöne Gewölbe-construction, gleichfalls für Säle geeignet, ergeben würde. Auch die inFigur 11 gegebene einfache Grund- ^form von Schäften, bei welcher die Schaft-und Gewölbe-Theile in gleicher Gegenseitigkeit in und gegen einanderverlaufen, ist der reichsten Gliederung und Ausbildung fähig. Um die Linie zu finden, auf welcher in Figur 11die Schaftseiten in die Gewölbeseiten verlaufen, muß das Maaß der Ausladung der Gewölbtheile, hier dieDistanz a Ir im Grundrisse 11, auf der Linie des Aufrisses, wo die Gewölbtheile in den Schaft verlaufen,oder wo die Gewölbebiegung beginnt, von der äußersten Schaftlinie herausgetragen, und alsdann eine Linielothrecht so weit aufwärts geführt werden, bis sie die Gewölbebiegung berührt, wodurch sich der Winkel ü bund durch e die Linie e ä ergiebt, auf welcher der Schaft in das Gewölbe verläuft. Was eine reichere Aus-führung dieser Grundform betrifft, so könnten die Ecken des Schaftes und die Gräde des Gewölbes profilirt,oder auch die Schäfte reichgegliedert sein und sich so in die Gewölbeseiten verlaufen, während die alsdann ausder Schaftgliederung herauswachsenden Gewölbegräde mit reich profilirten Rippen versehen würden; oder end-lich, es könnten die Schaftecken und Gewölberippen gleich profilirt sein, die Profilirungen der Schaftecken abergleichfalls in das Gewölbe übergehen und so mit den eigentlichen Rippen reiche Verschlingungen im Gewölbebilden: eine verwickelte Construction, welche denjenigen gefallen würde, welche, wie Albrecht Dürer in seiner (1538im Druck erschienenen)Underweysung der Messung, mit dem Zirckel und richtscheyt rc.rc." sich ausdrückt:grosselieb haben zu seltzamen reychnungen*) in den gewelben zu Messen." Eine solche Art von Schäften, vonwelcher Figur 11 die Hauptform giebt, hat Dürer offenbar gemeint, wenn er am angeführten Orte im drittenBuch (von den Corporlichen Dingen") sagt:oder man lest den Pfeiler (d.i. den Gewölbeschaft) für streichen,

*)Reihungeu", der alte technische Ausdruck für die Berschränkung oder Berschlingung der Gewölberippen unter einander.