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3. Schascordnungen der kirchlichen Archirectur.
aß sich in der gothischen Architektur viele einzelne Style von einander wesentlich und scharf abgegrenztunterscheiden, stellt sich immer mehr heraus, je mehr die stets zahlreicher anwachsenden, verdienst-lichen Werke über die mittelalterlichen Bauten Gelegenheit darbieten, Vergleichungen anzustellen.Besonders charakteristisch tritt dieser Unterschied auch bei den Schäften hervor, und mit viel größerem Rechte,als im antiken Style, lassen sich in der gothischen Architektur verschiedene Schaftordnungen von einander trennen,die, während die antiken Säulenordnungen alle runde Schäfte und alle Kapitäle haben, vielmehr alle verschie-dene Schäfte, und entweder Kapitäle oder statt deren Gesimse, oder keines von beiden haben, daher hier weitwesentlichere Unterscheidungsmerkmale als bei den antiken Säulenordnungen eintreten, die mehr oder wenigerdoch alle einander ähnlich sind. Diese streng von einander sich abscheidenden Style der gothischen Architekturbeweisen zugleich, wie einseitig es ist, wenn man, wie es gewöhnlich geschieht, den Styl des Kölner Domes fürden allein reinen erklärt*), gerade als wenn unter den antiken Säulenordnungen auch nur eine die allein rich-tige gewesen wäre! Was den Ausdruck „Schaft" betrifft, so wurde derselbe schon oben dem (heutiges Tagsunwillkührlich mit antiken Beziehungen verbundenen) Ausdruck „Säule" entgegengesetzt, indem letztere (inantikem Sinne) nur eine Stütze wagrechter Lasten sein kann, und daher höchstens für steinerne Deckenschäfteanwendbar wäre (da die Verbindung des hölzernen Deckenschaftes mit den Bügen zu sehr dem gewohntenBegriff einer Säule widerspricht). Der englische Ausdruck „imposts" ist zu generell und um so weniger zurUebersetzung zu empfehlen, als das schon öfter angeführte, von Stieglitz veröffentlichte Manuskript den altdeut-schen technischen Ausdruck für Gewölbestütze enthält, welcher eben in dem Worte „Schaft" besteht. Passenderwäre der Ausdruck Säule für jene runden Gewölbestützen des Uebergangsstyls aus der vorgothischen Architektur,deren äußere Form allerdings sehr an die antike Säule erinnert. Endlich der Ausdruck „Pfeiler" dürfte für dieviereckigen Gewölbestützen der vorgothischen Architektur beizubehalten sein. — Zuerst führe ich auf die:
chaftordnung mit runder Hauptform. Bon dieser ist die schon oben besprochene (eigentlich demUebergangsstyle aus der vorgothischen Periode noch angehörende) Art mit kreisrunden Schäften undweit ausgeladenen Kapitälen oder Laubgesimsen, auf welchen die Gewölbanfänge stehen, die älteste.Beispiele hievon enthält die Liebfrauenkirche zu Trier (1227 — 1244). Die mit solchen Schäften zusammenhän-gende Construction, gemäß welcher, besonders wenn die Schäfte das Langhaus von den Flügeln trennen, dieGewölbedienste vom Schafte gänzlich getrennt, erst oberhalb des ausgeladenen Schaftkapitäls auf einem Kragsteinesich erheben, und womit auch die Ringe in Verbindung stehen, durch welche Schäfte, wie Dienste, unterhalb derKapitäle zuweilen unterbrochen sind, wurde in Deutschland , als mit dem neuen (d. i. gothischen) Style nichtharmonirend, zeitig ausgemerzt. Beispiele solcher Ringe kommen, außer in der erwähnten Trierer Liebfrauen-kirche, auch in dem (höchst interessanten, wiewohl wenig gekannten) Kloster zu Maulbronn vor, namentlichin der Vorhalle („Paradies") und in dem Refektorium desselben**). Die Liebfrauenkirche zu Trier enthält aberin den vier Mittelschäften im Kirchenkreuz noch eine andere Schaftart, deren Stamm gleichfalls kreisrund, jedochmit vier runden Diensten besetzt ist. Diese —in Figur 18 dargestellte Form erscheint wohl zuerst in der Elisabeths-i8.kirche zu Marburg (1235—1283) konsequent durchgebildet, und wurde (zunächst in Hessen ) das Muster für vieleandere Kirchen. Die Diagonallinien des äußern Quadrats 6 6 fKin Verbindung mit dem Kreise und der durch den-selben gefundenen Linie n b sind hier als geometrische Bestimmung für die Größe des Schaftstammes sowohl, wieseiner Dienste angenommen, indem die Distanz n x zugleich den Durchmesser der Dienste bildet, und durch die, durchden Punkt x gebildete, Linie zugleich den Schaft begrenzt. Der Kreis der Dienste wird aus einem außerhalbdes Schaftkreises liegenden Punkte gezogen, z.B. aus dem mit 6 bezeichneten Dienst-Halbmesser, dessen Umfangder Entfernung des Punktes x von der Linie a d entspricht. Ze weiter dieser Halbmesser vom Schaftkreis ent-fernt ist, desto schöner wird das Verhältniß werden, wenn nur noch der Dienst mit dem Schafte verbunden
*) Was schon in sich einen Widerspruch in sofern enthält, als selbst im Kölner Dome , ungeachtet der Einheit des Ganzen, im Einzelnen dennoch verschiedeneStyl-Perioden sich unterscheiden lassen, wie auch jüngst Kugler in seiner Abhandlung „Der Dom von Köln und seine Architectur" (in No. 19 der deutschen Vier-teljahrsschrift) sehr richtig auseinandergesetzt hat.
**) Dagegen ist diese Anordnung in Frankreich , und mehr noch in England (wo doppelt und dreifach angebrachte Schaft- und Dienst-Ringe, und sogar doppelteDienst-Kapitale in gothischen Kirchen vorkommen) noch im 14. Jahrhundert allgemein; stark ausgeladene Schafte („impnsts svlmtteck") bilden fast die Regel,und selbst sehr reichgegliederte Schafte stehen noch für sich abgesondert, ohne Zusammenhang mit den Diensten da, welche häufig nicht einmal oberhalb der Schaft-kapitäle, sondern erst oberhalb der Scheidebögen auf Kragsteinen beginnen; endlich findet man eine solche Construction sogar noch in Kirchen, welche mit reichverzierten Hänggcwölben („penclsnt-,") geschmückt sind, und mithin einer spätern gothischen Periode angehören: Belege genug, daß dort der gothische Styl, wenner auch eine außerordentliche Pracht entfaltete, doch nicht zu der reinen, organischen Durchbildung, wie in Deutschland , gelangte.