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Gothisches ABC-Buch, das ist: Grundregeln des gothischen Styls für Künstler und Werkleute / von Friedrich Hoffstadt
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8. Nragsteine*).

em Wesen nach unterscheidet sich der Kragstein vom Kapital nur dadurch, daß er nicht, wie letzteres,

, M H einen Schaft unter sich hat. Vorzugsweise ein Laubkragstein kann einem Laubkapitäl völlig ähnlich

sein, vorausgesetzt, daß seine Endigung in lothrechter Richtung mit dem Centrum seiner tragendenOberfläche frei herunter hängt, und nicht bis an die Wand - oder Schaft-Fläche, oder überhaupt an den Theil,dem er angehört, zurückspringt, welche letztere Art allerdings den eigentlichen Kragstein im engern Sinne bezeich-net. Die erst erwähnte, kapitälähnliche Kragsteinart hat zuweilen eine Eigenthümlichkeit, wodurch sie zum förm-lichen Kapital umgewandelt wird, wenn nämlich unter letzterm ein kurzes Stückchen Säule nach einer geschweiftenLinie an die Wand zurückspringt. Der Kragstein trägt entweder unmittelbar ganze Gewölbanfänge, wie in denFiguren 24 (deren Conftruction dort beschrieben) und 32, oder er trägt nur Gewölbedienfte, wie in Figur 31.Ausnahmsweise trägt der Kragstein auch Bögen oder wenigstens einzelne Bogentheile, wie z. B. Gliederungenvon kleinen Scheidebögen, und selbst große Scheidebögen (welches letztere jedoch nur als ein nicht zu empfeh-lender Nothbehelf erscheint). Außerdem findet man auch vorspringende Mauern durch kleine Bögen, und diesewieder durch Kragsteine gestützt. Endlich können Kragsteine auch angebracht sein, um Figuren darauf zu stellen,was zunächst in den Flügeln vorkommt, wo dann die Kragsteine mit den figurentragenden Kapitälen an denSchäften correspondiren. Fialen stehen zuweilen auf Kragsteinen mit kapitälartigen Endigungen. Kragstein-artige Verzierungen kommen ferner an den Sitzbrettern in den Chorstühlen vor, welche erst beim Aufschlagenderselben sichtbar werden. Kragsteinartig kann endlich auch der gerade Thürschluß gestützt sein, von welcherArt das Thurmportal von Figur lr ud 27 im Vorlegeblatte IX, und die im Vorlegeblatte X, Figur 2 darge-stellte Thüre Beispiele enthalten. Was nun die Bildung der Kragsteine an und für sich betrifft, so sind sieentweder mit bloßer Gesimsgliederung (wie die Figuren 24,31,32 und 33), oder mit darin angebrachtem Laub-werk (wie etwa in der Gesimsgliederung von Figur 2) versehen, oder förmlich wie Laubkapitäle (z. B. nachArt des in Figur 35 dargestellten) gestaltet, oder ihre Hauptflächen sind mit Maaßwerk ausgefüllt. So könntenz. B. die Flächen des Kragsteins Figur 32 (von 1i k bis I) nach Art der Kapitäle der Figuren 2 und 34verziert sein. Auch kann eine Verbindung aller dieser Verzierungen oder mehrerer derselben an dem nämlichenKragstein angebracht sein, wenn derselbe nämlich von starkem Umfang und mehrfach ausgeladen ist. In diesemFall wird der Kragstein auch häufig von halben oder ganzen Figuren getragen. Auch Köpfe stützen oftmalsdas Kragstein-Ende. Die Anbringung von Wappen ist gleichfalls eine oft vorkommende Kragsteinverzierung.Wieder eine andere Art von Kragsteinverzierungen bilden Aestwerk und Zettelverschlingungen. Wenn dieselbeauch der spätern gothischen Periode angehört, so enthält sie doch sehr malerische Bildungen, namentlich durchVerbindung des Ast-und Laubwerks, z. B. Aefte mit Eichenlaub, oder ein Geäst, um welches Laubwerk oder Zettelsich schlingen, oben jedoch stets mit einer Gesimsgliederung geschlossen. Wenn solche Kragsteine weit vor-undihr eigentlicher Körper nach einer geschweiften Linie stark zurück-springt, so kann das Laub-und Aestwerk durch-brochen sein, was die Schönheit der Wirkung natürlich noch vermehrt. Die Construction des in Figur 24 ent-haltenen Kragsteins, so wie der kragsteinartigen Endigung in Figur 31 wurde schon oben erklärt. Was dieConstruction des, einen Gewölbanfang tragenden, Kragsteins Figur 32 betrifft, so ist das Maaß der Ausla-»6 92 . düng des Gewölbanfangs vor dem Kragsteine, nämlich des Vorsprungs des im Grundriß der Figur nd 32mit dedel'w bezeichneten, halben Achtecks vor dem inwendigen Achteck auf die nämliche Art bestimmt, wiees in Figur b ud 31 geschah, was durch das, mit x markirte, Eck des halben Quadrats (aus welchem dashalbe Achteck bod 6 gebildet) angezeigt ist. Der, die Construction der Gewölberippen enthaltende, Grundriß»d 32 stellt dieselben auf derjenigen Linie durchschnitten dar, auf welcher sie im Aufriß beginnen, und die inletzterem mit den Buchstaben u und x bezeichnet ist. An dieser Stelle bilden die Zwischenräume zwischen denPlättchen der Gewölberippen Halbkreise, so daß im Grundriß ud 32 aus <; der Bogen Ati, aus d der Bogeni k. und so fort gezogen ist. Die Distanz fti des Plättchens aber ist zum Vorsprung des Wasserschlags derobersten Kragsteingliederung genommen, und im Grund-wie im Aufrisse mit ud bezeichnet. Diese Distanz32 . ab ist zugleich maaßgebend für die oberste Gesimsgliederung des Aufrisses Figur 32, indem dieselbe von nnach d und von d nach e, ferner von d nach 6, von 6 nach f, von f nach A, dann von 1i nach k, weitervon 1 nach m, von in nach n, von u nach o, von o nach p, und endlich von cz nach r getragen ist. Die

*) Der alte technische, und auch jetzt noch übliche AusdruckKragstein " kann durch daS WortTrägstem" nicht ersetzt werden, indem der Kragstein zwarstets auch ein Trägstem ist, der Trägstem aber, wenigstens nicht an und für sich, ein Kragstein zu sein braucht. Z. B. ein viereckiger, aus der Mauer bcrvorstehenderStein, auf dem eine andere Last ruht, ist ein Trägstem, aber kein Kragstein. Letzteres wird er nur dann, wenn seine Masse ausgekragt, d. h. mit allmahlig von derMaucrsiache an bis zu seinem äußersten Vorsprungc steigender, ausgeladener Gliederung versehen wird.