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Gothisches ABC-Buch, das ist: Grundregeln des gothischen Styls für Künstler und Werkleute / von Friedrich Hoffstadt
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zugsweise christlichen) Baustyle, noch überhaupt von einer consequent und streng durchgeführten geometrischenBegründung desselben etwas wissen wollen, indem sie gerade in der gothischen Architektur ein freies Feld fürdie schrankenloseste Willkühr zu erblicken wähnen. Allerdings zeugt die endlose Mannigfaltigkeit der Formen desgothischen Styles hinlänglich für die hohe künstlerische Freiheit, welche in seinem Gebiete herrscht; doch diewahre Kunst besteht gerade in einer freien Bewegung innerhalb bestimmter Schranken; je weniger gewisseGrenzen gesetzt sind, je weniger kann sich der Künstler als solcher zeigen, und wo gar keine Grenzen sind,da wäre wohl eine völlige Verflachung der Kunst zu besorgen. Innerhalb solcher Grenzen aber bewegte sichsowohl die antike, wie die gothische Architektur, und es ist noch sehr die Frage, in welchem von beiden Stylenmehr wahre Symmetrie, und in welchem mehr Willkühr herrschte. Die Gegensätze beider Style sind bekanntund auffallend genug, weniger ihre Ähnlichkeiten. Die Vergleichung beider führt aber zu so interessantenResultaten, daß ich mich nicht enthalten konnte, in den Vorlegeblättern XI und XIII. x den Durchschnitt undAufriß des Theseustempels zu Athen mit dem Schema einer gewöhnlichen, gothischen Kirche oder Kapelle, wieman sie fast in jedem Dorfe finden kann, neben einander zu stellen. Die Erklärung dieser Vorlegeblätter ent-hält das Nähere über die Resultate dieser Begleichung. Was nun die gothische Architektur betrifft, so ist dieselberecht eigentlich in der Geometrie, und zwar in demjenigen Theile derselben begründet, welchen die Franzosen sehrbezeichnend die deskriptive Geometrie nennen. Allein durch die Anwendung der letzteren auf die Construction derGrundformen des gothischen Styles lassen sich diese folgerecht begründen und bis in die kleinsten Theile hineinentwickeln und verfolgen, wozu in dem gegenwärtigen Lehrbuche der Versuch gemacht worden ist. Daß aberauf diese Art die alten Meister verfahren sind, und daß vorzugsweise die Quadratur (oder der Inbegriff derüber Eck über einander gestellten Quadrate) eine ihrer Hauptregeln war, dieses wird jeder, der sich mit dem(freilich sehr mühevollen) Studium der gothischen Bauwerke abgiebt, nicht nur begreifen, sondern es läßt sichauch aus äußern faktischen Belegen, unter welchen ich außer andern ächten Urkunden und Quellen vorzüglichdie bis auf unsere Zeit gelangten, alten Steinmetz -Meisterstücke verstehe, förmlich beweisen. Diese Meister-stücke waren theils Modelle, theils Zeichnungen, und mußten irgend eine gothische Construction (vorzugsweisedie Construction des Kirchenchores) enthalten. So konnte in Nürnberg , so lange es Reichsstadt war, mithinnoch zu Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts, kein Steinmetz Meister werden, der nicht ein solches Mei-sterstück verfertigt hatte. Eben so wurde es in Frankfurt am Main gehalten, wo nach dem unten folgendenNachweise von 1734 sogar die Maurer, um Meister zu werden, Modelle von Kreuzgewölben liefern mußten.In den Constructions-Regeln dieser Meisterstücke bestunden die eigentlichen Baugeheimnisse der alten Steinmetz-brüderschaften, welche so streng bewahrt wurden, daß im Jahre 1099 ein Bürger zu Utrecht den dortigen Bischofermordete, weil er seinem Sohne dasMeister-Geheimniß" (nrenmim mnA'isterinm) der Grundrißcon-struction von Kirchen abgelockt hatte*). Diese Baugeheimnisse sind der wahre und einzige Schlüssel, der uns dasVerständniß der gothischen Architektur zu öffnen vermag, und beweisen recht augenscheinlich die Wichtigkeit derSteinmetzbrüderschaften, die noch zu Anfang unseres Jahrhunderts im Besitze solcher Geheimnisse waren, undmöglicherweise an einigen Qrten noch sein können. Da aber dieser Schatz traditioneller Kenntnisse durch die fastaller Orten, in größerem oder kleinerem Umfange, eingetretene Aufhebung der Zünfte verloren gieng, da fernerdie wenigen, noch vorhandenen, ächten oderregulären" (nämlich von den Alten abstammenden) Steinmetzenver-brüderungen, von welchen es ohnehin zweifelhaft ist, ob sie mehr als die alten äußeren Gebräuche gerettet haben,dem Erlöschen nahe zu sein scheinen, und da es endlich für die gothische oder vaterländische Architektur dochvon höchster Wichtigkeit ist, die alten Meiftergeheimnisse vor ihrem völligen Verschwinden noch vom Untergängezu retten, so fühle ich mich verpflichtet, die alten, aus der reichsstädtischen Zeit Nürnbergs stammenden Steinmetz-Meisterstücke, in deren Besitz zu gelangen ich so glücklich war, zu veröffentlichen. Dadurch werden alle, welchesich mit dem Studium dieses Lehrbuchs befassen, am sichersten überzeugt werden, daß dasjenige, was ich hier vor-trage, nicht blos das Resultat eines zwanzigjährigen Studiums des gothischen Styles (so wie mancher praktischenAusführungen in demselben) ist, sondern daß dieses Resultat zugleich auch auf das allervollständigste mit den(in den angeführten Meisterstücken und andern Urkunden enthaltenen) bis auf unsere Zeit gelangten Ueberlie-ferungen der alten Meister übereinstimmt. Namentlich sind in den, in den Vorlegeblättern XIII. V und u, XIV. Xund u und xv gegebenen, Kirchenchor- und Gewölbe-Constructionen, Chablonen für Gliederungen aller Art undFialen-Constructionen die alten Meistergeheimnisse selbst enthalten, welche hier zum erstenmale an das Lichttreten. Ich gebe nun in nachstehendem ein Verzeichnis sowohl dieser alten Steinmetz-Meisterstücke, als andereralten Risse, Schriften und Bücher, welche wesentliche Aufschlüsse über gothische Constructionen enthalten:

*) Handbuch der Kunstgeschichte von Kugler, Stuttgart 1842, Seite 528.