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Auch in den, im Vorlegeblatte IX an Thürmen und Pfeilern dargestellten, Fialen habe ich verschiedene Höhen-verhältnisse derselben angenommen und dort erklärt. Daß, wenn man bei einem Werke den geschweiften Wasser-schlag annimmt, dieser dann auch bei den Fialen des Werkes durchgeführt sein muß, versteht sich von selbst. Soenthält der Schlußsims der in Figur 2 des Vorlegeblattes XV dargestellten Blumenspitze den geschweiften Wasser-schlag. Daß aber der Wasserschlag eine Carnisenlinie bildet, gehört dem älteren gothischen Style an, und wurdebereits oben S. 24 als unpraktisch bezeichnet, insofern diese Bildung dem Wasserablauf hinderlich ist, wenn auchsolche Formen, oder gar antike Reminiscenzen (wie z. B. die, gleichfalls S. 24 erwähnten, mit Perlen ausgefülltenDurchschnitte von Fialengesimsen) an unserem berühmtesten Dome (nämlich dem Kölner ) vorkommen. Bereitsoben bemerkte ich, daß das Zusammenstoßen der Gesimse der Fialengiebel an den unteren vier Enden, d. h. anden vier Fialenecken, seine eigenen Schwierigkeiten in der praktischen Ausführung hat, indem, wenn man dieHohlkehlen zu tief macht, sie einander an diesen Punkten durchschneiden, und dadurch Löcher entstehenwürden, weßhalb die Alten diese Stellen häufig durch die, hier angebrachten, ersten Giebelblumen maskirten, wieauch Meister Roriczer in seinem in Figur 1 des Vorlegeblattes XV wiedergegebenen Muster gethan hat. Eineandere Behandlungsart ist in - Figur 9 des Vorlegeblattes XIX dargestellt, wo der spitze Winkel, wie derxix.».Grundriß der — Figur n6 9 zeigt, durch Abschneidung der vier Ecken vermieden ist. Da jedoch hierdurch dieseEndigungen, und zwar im geometrischen Aufriß (Figur 9) mehr als in der Wirklichkeit, ein etwas stumpfesAnsehen bekommen, so haben die Alten zur Vermeidung dieses Umstandes häufig auch noch eine dritte Art, nämlich ^die in - Figur 10 des Vorlegeblattes XIX dargestellte, in Anwendung gebracht. Hier ist das Giebelgesims an ' io.'den Anfangspunkten erst noch ein kurzes Stück wagrecht um das Eck fortgeführt, ehe die Giebel (welche ich hierder Abwechslung wegen schweifte) beginnen. In beiden Figuren ist übrigens die Giebelhöhe 6 6 (Figur 9) wieu 1> (Figur 10) durch die Diagonale des Kubus eines Quadrates gebildet, welches (s. Figur 9) aus der Distanz n Udes Giebelanfangs, als einer Seite des Quadrates, construirt wird.
2. Gestaltung der lVimbergen.
H nter der Wimberge versteht man, wie bereits oben S. 124 bemerkt wurde, die giebelartige UmgrenzungI I des Bogens einschließlich der beiden Fialen links und rechts. Die eigentliche Giebelwimberge gehört demälteren und strengeren Architecturstyle an, wie unsere großen Dome beweisen, und sie erscheint daher, wasbereits oben mehrmals erwähnt wurde, als vorzüglich passend für die kirchliche Architectur. Die in - Figur 1XVI. i.des Vorlegeblattes XVI dargestellte Giebel -Wimberge ist in allen ihren Hauptverhältnissen nach der Regel desMeisters Roriczer construirt, ungeachtet dieser keine Giebel-Wimberge, sondern eine geschweifte giebt, was jedochim wesentlichen deßhalb keinen Unterschied macht, weil die Schweifung so hoch gestreckt ist, daß der Blumenstengelauf der Giebelspitze sogar die Höhe der beiden Fialen erreicht. Die hier gegebene Grundrißconstruction ist mitkleinen Modifikationen die nämliche, wie im Originale Roriczer's, und das Ganze in etwas vergrößertem Maaß-stabe, so wie mit Ausführung der einzelnen Blumen und Simse, welche im Originale nur als „Bossen" ange-geben sind. Meister Roriczer erklärt den Grundriß der Wimberge in folgender Art: „Wiltu am gancze wimpergn„aufz tasten dn grünt und auszug So du jm also nim am weiten für dich als weit du die Wimpergen haben„wild un ich secz das sey die weit mit den puchstaben verzeichnet: : r: Darnach tast von : q: piß czu dem : r:
„in vi gleiche tast d'selben tast eines ist die groß de fialen mit den puchstaben veczaichnet: a: b und tast die sialen„auß als ich dich vor gelernt han. Darnach tast die leng d'fialen in drew tast derselben tast eines ist d'stengel„d'plumen auf die Wimpergen Darnach schaw albegn auf die puchstabn jn dem grünt un jn dem ausczug So„finftu albegn dy teilung die czusamme gehörn Und henach folget d'grunt czu eine gäcze Wimpergen Und neben„der geschrift die Wimpergen." Die Quadraturlinien im Grundriß sind von mir, des bessern Verständnisses wegennoch hinzugefügt worden. Namentlich zeigt sich durch jene innerhalb des Umfangs der großen Blume, daß dieletztere nach der, in Figur u6 2 des Vorlegeblattes XV gegebenen, Construction gebildet ist. Die GrundrißdistanznU besteht aus dem sechsten Theile der Linie ry, wie im Originale, dagegen bildet in letzterem die Linie exzugleich die innerste Tiefe, welche ich hier noch etwas mehr zurücksetzte. Ferner befindet sich im Originale die Linie«-t des Pfoftengliedes auf der hier mit xp bezeichneten Linie, während ich dieses Glied, der Eintheilung aus derQuadratur wegen, etwas vorrückte. Die Distanzen rp oder ex und xx sind aber einander gleich, und dasselbeMaaß enthalten auch die Seiten o 6 und 6k des über Eck stehenden Blumenvierecks in der Mitte. Jm Aufrissehabe ich die Ausführung der in Figur 1 des Vorlegeblattes xv nur der Hauptform nach enthaltenen Fiale gegeben.
Durch beide Darstellungen wird aber der Unterschied zwischen der von der Seite, und der über Eck in diagonalerRichtung gesehenen Fiale ersichtlich, worauf deßhalb besonders aufmerksam gemacht werden muß, weil, zwar nicht
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