Buch 
Gothisches ABC-Buch, das ist: Grundregeln des gothischen Styls für Künstler und Werkleute / von Friedrich Hoffstadt
Entstehung
Seite
192
JPEG-Download
 

194

immer, doch in der Regel, die Fiale im Verhältniß zu dem Körper, welchem sie angehört, über Eck stehen soll.Namentlich bei der Wimberge ist es ein entschiedener Fehler, wenn die beiden Fialen nicht über Eck stehen, anwelch' störendem Umstände man bei neuen Werken im gothischen Style auf den ersten Blick ihren modernenUrsprung erkennt. Die Giebelhöhe bei ^ habe ich dadurch normirt, daß ich sie als die Diagonale eines, aus derGiebel -Grundbreite eo 6 6 gebildeten, Quadrates annahm; die große Blume aber hat die nämlichen Verhältnisse,wie die in Figur 2 des Vorlegeblattes XV nach Meister Roriczer gegebene, daher bei der, hier festgesetzten Giebel-höhe ihr Scheitel die Fialenhöhe nicht ganz erreicht, während im Gegentheil, wenn man die Giebelhöhe nach derDiagonale des aus seiner Grundbreite ee UU errichteten Kubus gebildet hätte, sie die Fialenhöhe noch überragthaben würde. Auch kann man das Verhältniß so gestalten, daß man die Blumen-und Fialen-Höhe in eine Liniestellt, und hiernach den Giebel noch etwas höher streckt, was bei Portalen oder einzelnen Fenstern der gewöhnlicheFall ist. Der reichste Wimbergen-Schmuck findet seine Stelle bei der Umgrenzung der Langhausseiten und Chöregroßer Dome am Gallerieschlusse des Daches, wie in Köln und Regensburg , wo jedes Fenster seinen, die Gallerieüberragenden, Giebelschluß hat, und alle Giebel mit Fialen unterbrochen sind, mithin Reihen von Wimbergendas Ganze begrenzen. Da jedoch in diesen Fällen die Fialen als die Endigungen der Strebepfeiler, mithin alskeine bloße Decoration erscheinen, so ist ihre Gestaltung hier mächtiger und überragt (besonders in Köln ) dieBlumenspitzen der Giebel bedeutend. Zm Originale Roriczer's fehlen die Theile, auf welchen die Fialen stehen;ich habe sie auf Säulen gestellt, welche, einzelne Verschiedenheiten abgerechnet, im Wesentlichen den nämlichenCharakter haben, wie die in Figur 35 des Vorlegeblattes vm dargestellten Fialensäulen. Die Distanz r an, welchenoch dem Kapitäle angehört, und zugleich den Sockel der Fiale bildet, ist der Grundrißdistanz u d, die Höhen-Distanz i- db aber der diagonalen Distanz de des Grundrisses entnommen. Die Pfoftenbögen innerhalbdes großen Spitzbogens (welche nach dem Grundrisse nur als Wandfüllung erscheinen, eben so gut aber auchdurchbrochen werden, und mithin ein wirkliches Fenster bilden könnten) habe ich mit Nasen versehen, welche inMeister Roriczer's Riß fehlen, so wie in letzterem der mittlere, kleine Spitzbogen unmittelbar auf den Spitzen derbeiden andern sich erhebt, während ich hier den Bogen erst auf der Linie x^ anfangen lasse. Auch das Maaßwerkzwischen Fenfterspitzbogen und Giebelspitze ist von mir hinzugefügt, welcher Raum bei Roriczer füglich leer bleibenkonnte, da er wegen der Schweifung seiner Wimberge viel kleiner ausfallen mußte. Nicht zu übersehen ist einUmstand, welcher bei allen Giebelwimbergen als unvermeidlich vorkommt, nämlich daß auf der Grundlinie desGiebels und des Fensterspitzbogens ein kleiner Raum übrig bleibt, welcher sich nach oben zu verengt, und dernur dann vermieden werden könnte, wenn man einen flachen Rundbogen oder dergleichen Spitzbogen, oder einengeschweiften Bogen hier anbringen wollte, was offenbar unschön wäre. Ich habe diesen Zwischenraum dadurchweniger auffallend zu machen gesucht, daß ich ihn mit einer kleinen, spitzbogigen Nische ausfüllte, welche man auchals ein, zum Fenstergewände gehöriges, Glied bis hinunter lothrecht hätte fortführen können. Letzteres wärebesonders dann zu empfehlen, wenn die Fiale, statt auf einer Säule, auf der Endigung eines Strebepfeilers stünde,denn alsdann könnte diese Endigung wohl auch bis an das Fenstergewand reichen, und hierdurch die Fortführungder kleinen Nische nur bis zu dem Punkte nothwendig werden, wo dieselbe mit dem Strebepfeiler zusammenstoßenmüßte. Ueber die Verhältnisse der Blumen muß noch bemerkt werden, daß die Höhe tp der großen Giebelblumeder Grundrißdistanz fp gleich ist, daß die Blumen am Giebelrande nach der nämlichen Distanz tp hinsichtlichihrer Höhe gebildet sind, und nur deßhalb etwas weniger hoch erscheinen, weil vermöge ihrer Behandlung undLage auch noch der untere Blattrand sichtbar wird. Die Ausladungslänge d A der Giebelblumen ist der Grund-rißdistanz b tz- gleich. Was übrigens die Abblattung der Giebel - oder überhaupt Wimbergen-Kanten mit Blumenbetrifft, so enthalten die Figuren der Vorlegeblätter xvm und XXVI eine zahlreiche Auswahl der verschiedenstenArten von Blättern, welche für diese Stellen passen. Auch die Figuren 10, dann 23 bis 35 des Vorlegeblattes xvn^ eignen sich hierher, wiewohl weniger für den strengeren Architecturftyl, als für das Ornamenten- und Arabesken-b i. Fach. Die neuere, nämlich geschweifte Wimbergenform, welche in Figur b 1 des Vorlegeblattes XVIgegeben ist, wurde schon mehrfach als eine, wegen ihrer Zierlichkeit und Geschmeidigkeit empfehlenswerthe, Formbezeichnet, wenn ihr auch im Kirchenstyle der eigentliche Giebel vorzuziehen ist. Das in dieser Figur dargestellteVerhältniß der Wimberge ist das nämliche, wie es Meister Roriczer in der, von ihm gegebenen, Wimberge ange-nommen, wenn auch nicht mit Worten in seinem (oben gegebenen) kurzen Texte angedeutet hat: nämlich die Höhe66 der Wimberge, ohne den Stengel e kder Blume, ist die Diagonale eines aus seiner Grundbreite ab gebildetenVierecks. (Trage die Distanz n l> im rechten Winkel von d nach e, so ist 6 a die Diagonale, und mit eu ist die^ Distanz 6 6 gleich.) Die Distanz 6 kdes Blumenstengels ist der Weite der äußern Spitzbogenlinie, oder dem dritten«aci i. Theile der Fialenhöhe gleich, wie Meister Roriczer im oben gegebenen Texte sagt. Die in Figur e ucl 1 des