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stellten Weiterbildungen, wie die tabernakelartige Pfeilergestaltung von Figur 5 des Vorlegeblattes XV dienenals Ergänzung dessen, was bereits oben im Vorlegeblatte IX über die Pfeilerconstructionen vorkam. Die Figuren 8des Vorlegeblattes XV und 6 des Vorlegeblattes XVI enthalten Andeutungen darüber, daß die Quadraturcon-structionen auch bei den Maaßwerkverzierungen des Aufrisses zu Grunde gelegt sind. Die — Figur 8 des Vor- XV. 8.legeblattes xv zeigt das Skelet der Maaßwerkverzierung eines Chorfensters der (bereits oben erwähnten) Kircheim schwäbischen Dorfe Schwiberdingen, und bildet offenbar einen Fingerzeig darüber, daß der achteckige Chordieser Kirche aus der Quadratur conftruirt ist. Die Gliederung des Ganzen ist die gewöhnliche einfache, ausPlättchen und Hohlkehle bestehende, wie in dem Fenster von Figur 1 des Vorlegeblattes Xl. Nasen sind aus-schließlich in den unteren drei Bögen angebracht, oberhalb dieser jedoch keine. Die beiden oberen, regelmäßigenQuadrate sind von ihren Diagonallinien durchschnitten, welch' letztere im Spitzbogenschluß, sich durchkreuzend,fortgesetzt sind. Führt man diese Diagonallinien auch nach unten fort, so treffen sie gerade in den Winkel, welchendie, durch die Buchstaben n und b angedeutete, Grundlinie des Spitzbogens mit letzterem selbst bildet, und diebeiden äußersten, lothrechten Linien der zwei Quadrate führen in ihrer lothrechten Fortsetzung nach unten genauauf die mit n und d bezeichneten Mittelpunkte, aus welchen nicht nur die zwei kleinen Rundbögen, sondernzugleich auch der Spitzbogen des ganzen Fensters mit dem Zirkel beschrieben ist. Daß diese ganze Bildungnur als Verzierung betrachtet, keine empfehlenswerthe Form bildet, sieht wohl jeder ein, daß man aberdergleichen Maaßwerk schlechtweg als trockene Form der letzten, ausgearteten, gothischen Periode verwirft, damitist die Sache noch nicht abgemacht, indem in solchen Bildungen sehr oft (wie hier) Andeutungen über diegeometrische Constructionsweise der alten Meister verborgen liegen, welche freilich erst als solche erkannt werdenmüssen, ehe man ihren Sinn zu begreifen im Stande ist. Jedenfalls haben die Meister aus dieser spätestenZeit, in welcher bereits die antikisirenden Formen den gothischen Styl zu verdrängen angefangen hatten, vielleichtim Gefühle des unaufhaltsamen Untergangs ihrer Kunst (und doch dem Gesetze ihrer Ordnungen, keine schrift-lichen Anweisungen zu geben, getreu) durch solche Gestaltungen, wenn auch unbewußt, dennoch Symbolehinterlassen, durch deren Enträtselung das Verständniß der alten Constructionsweise in unsern Zeiten wiedergeöffnet werden mochte. Auch die — Figur 6 des Vorlegeblatts xvi enthält das Skelet einer solchen ausschließlich XVI. 6.geometrischen Gestaltung statt des gewöhnlichen Maaßwerks. Diese Verzierung befindet sich mit reichprofilirtenGliedern am obern Schlüsse eines der Pfeiler des Delberges, welcher neben dem Dome in Speyer steht.
Das gleichseitige Quadrat nbe 6 ist mit seinen Diagonallinien durchkreuzt, und aus den vier Ecken n, d, 6 undti sind mit dem Zirkel die vier Kreislinien f 6, f K, A k, ti 6 und 6 f beschrieben, welche ein, in dem äußernViereck über Eck stehendes, inneres (geschweiftes) Viereck bilden, und mithin die Uebereckstellung der Vierecke ineinander als Constructionsregel andeuten.