Grundriß der Geschichte der christlichen Architek-tur mit besonderer Beziehung auf die Wiederher-stellung und Fortbildung des Spitzbogenstyls.
eber die Grundregeln des gothischen Styls und insbe-sondere der gothischen Architektur hat sich das voran-stehende, vorzugsweise für Künstler und Werkleuteabgefaßte, Lehrbuch verbreitet. Hier folgt nun eine,zu allgemeinem Gebrauche zusammengestellte, Ueber-sicht der Geschichte der christlichen Baukunst seit ihrenältesten Zeiten, mit Berücksichtigung der, ihr theilsvorangegangenen, theils gleichzeitigen, nicht christlichenBaustyle, sowie im Hinblick auf die bedeutendsten Er-scheinungen in den übrigen Gebieten der Entwicklung des menschlichen Geistes. Dem-zufolge versuche ich auf jenen Zusammenhang hinzuweisen, welcher, wie in der Geschichteder Menschheit überhaupt, so auch in den verschiedenen Bauftplen der Hauptnationendes Morgen- und Abendlandes stattfindet, und die Architektur als die Symbolik derWeltgeschichte erkennen laßt. Zwar stellt jede Nation, auch in Bezug auf die Kunst,nur eine Seite und eine Stufe des großen Ganzen dar; allein durch die allmählige Ent-wicklung und Aufeinanderfolge der, durch die Baukunst der verschiedenen Völker hervor-gebildeten, Elemente: von der ältesten geradlinigen oder wagrechten Ueberdeckung derRäume zu den ersten unvollkommenen Versuchen in der Ueberwölbung, von der weitemAusbildung der letztem bis zum vollkommenen Rundbogen und endlich von dessenallmähliger Ueberhöhung bis zum Spitzbogen, läßt sich eine gewisse ursächliche Verbin-dung unter den verschiedenen Bauschten wahrnehmen, durch welche man in beständigemFortschritte zu jenem Endergebnisse gelangte, das im gothischen oder Spitzbogenstyle alsder Gipfel der künstlerischen Gesammtentwicklung erscheint. Zugleich versuche ich hin-sichtlich des dermaligen Standpunktes der Architektur darzuthun, daß der Entwicklungs-gang der Baukunst zu jener Richtung der Gegenwart führen mußte, welche in ihrennationalen, wie kirchlichen Bestrebungen unwiderstehlich auf die Wiederherstellung undzeitgemäße Fortbildung des (in allen Ländern mit germanischer Bevölkerung einheimi-schen) Spitzbogenstyls hinweist. Ich muß hierbei nur noch erklären, warum ich in demvoranstehenden Lehrbuche zur Bezeichnung der altdeutschen oder spitzbogigen Architekturdas Wort „gothisch " beibehalten habe, ungeachtet man über die eigentliche Unrichtigkeitdieses Ausdrucks längst einig geworden ist. Wir sprechen von altdeutscher, wie die Eng-länder von altenglischer Architektur. Diese Ausdrücke sind aber nur für das betreffendeLand passend, und es würde offenbar ungereimt sein, wenn man (statt der altfranzösischen)von der altdeutschen Architektur in Frankreich sprechen wollte. Zwar darf Deutschland sich rühmen, daß feine mittelalterliche Architektur die höchste Stufe der Vollendung ein-nimmt, und die Reinheit des altdeutschen Baustyles im engern Sinne weder im Spitz-bogenstyle Englands noch Frankreichs , und noch weit weniger in jenem der übrigen