VII
ist, läßt sich auch das Grundquadrat conftruiren, welches die Breite des Mittelschiffs bestimmt, und welchesdurch seinen Kubus der Kreuzesgrundgestalt größerer Kirchen ihre Conftruction giebt. Die Conftruction desChores oder der Choresschluß, von den Alten „Chores Maaß und Gerechtigkeit" benannt, enthältüberhaupt in seiner Grundform die Hauptregel für die Gestaltung aller übrigen Theile des ganzen Gebäudes.Ist daher der Choresschluß aus dem Achteck (d. h. aus zwei sich durchkreuzenden Vierecken) gebildet, - wasdie gewöhnlichste Constructionsweise ist, — so finden wir auch in den einzelnen Theilen des ganzen Werkesdas Vier- und Achteck als die Grundform wieder. Schäfte und Kapitäle sind aus dem Achtecke, und dieGewölbereihungen aus sich durchkreuzenden Vierecken, nämlich aus Vier- Acht- Zwölf- oder Sechszehneckenconftruirt. Die Thürme gehen aus dem viereckigen Untersatze zum achteckigen Aufsätze, und die Pfeiler anihren Vorsprängen aus dem Viereck in das Achteck über. Alle Gesimse und Gliederungen überhaupt sind auszwei sich durchkreuzenden Vierecken entwickelt, und aus dem Viereck sollen — nach der rechten Symmetrie —auch alle Spitzbögen eines Werkes, dessen Grundform das Viereck ist, construirt sein. Von der gleich-zeitigen Anwendung des Drei- und Vierecks als Grundformen für Kirchen wird weiter unten die Redesein. Ueber die Grundform des Dreiecks hier nur so viel, daß dieselbe in den alten Werken mit der nämlichenConsequenz, wie jene des Vierecks, durchgeführt ist. Daher nehmen wir, wo die Grundform aus Dreieckenbesteht, den Uebergang vom Sechseck in das Zwölfeck wahr, und nicht nur die Hauptformen, sondern auchdie einzelnen Bestandtheile sind alsdann aus Dreiecken construirt. Die größte Wichtigkeit aber enthält das(gleichseitige) Dreieck durch seine Anwendung zur Construction der Spitzbögen. Ueberall, wo es Grundformdes Werkes ist, finden wir aus ihm auch die Bögen der Fenster, Thüren und selbst der Gewölbe conftruirt.Aber auch alle Gesimse und Profilirungen sollen, wo statt des Vier- und Achtecks das Drei- und Sechseckdie Grundform ist, nach der rechten Symmetrie aus sich durchkreuzenden Dreiecken construirt sein, wasinzwischen bei den Gesimsen hinsichtlich der Steinconstruction größere Schwierigkeit in technischer Hinsichtdarbietet, und deßhalb vielleicht seltner als die Construction aus dem Viereck in den alten Werken angetroffenwird. (In den Vorlegeblättern XI, xn und xm ist die Conftruction von Gesimsen und Profilirungennach den beiden Hauptregeln des Dreiecks und Vierecks nachgewiesen). Endlich sind aus den einem Werkezu Grunde gelegten Grundformen auch dessen sämmtliche Verzierungen entwickelt. Diese zerfallen, je nachdemihre Entwicklung vorgenommen wird, in zwei Unterabtheilungen, in rein geometrische und in vegetabilische.Die rein geometrischen, wie solche in den durchbrochenen Verzierungen der Fenster, Gallerten, Riesen(Helmen oder Pyramiden) der Thürme u. s. w., oder in diesen analog gebildeten, nicht durchbrochenen oderBasreliefs-Verzierungen vorkommen, bestehen aus Zusammensetzung und Vereinigung loth- und wagerechterLinien mit Kreislinien zu einem Ganzen, dessen Construction auf Vielecken beruht. Die hiefür gebrauchtenAusdrücke „Drei- Vier- Fünf- Sechsblätter" oder „Kleeblätter und Rosen" können höchstens als Aehnlich-keitsbezeichnung gelten, indem diese Verzierungen keineswegs drei- vier- oder mehrblättrigen Blumen nachge-bildet, sondern — wie im Vorlegeblatte m nachgewiesen ist, — aus Drei- Vier- Fünf- Sechsecken construirtsind. Die vegetabilischen Verzierungen kommen in der Ornamentik durch Blumen- und Laubwerk vor,und hieher gehören die vorerwähnten, für die geometrischen Verzierungen doch nur uneigentlich passendenAusdrücke: „Drei- Vier- Fünf- Sechsblätter, Kleeblätter und Rosen". Die vegetabilischen Verzierungenberuhen aber auf keiner bloßen Nachahmung wirklicher Vegetabilien, sondern ihre Conftruction gründet sichauf dieselben Kreistheilungen oder Vielecke, welche auch den geometrischen Verzierungen zu Grunde liegen.Am deutlichsten zeigt sich dieses in den drei- vier- fünf- und mehrblättrigen Rosetten, wo der Kreis in drei,vier, fünf oder mehrere Theile getheilt, oder in dergleichen Vielecke umgewandelt ist, oder in viereckigenRosetten, welche auf in einander über Eck gestellten Vierecken beruhen. Die Vorlegeblätter xvn, XXII undxxm enthalten die nähere Entwicklung hierüber. Ist also das Vier- und Achteck die Grundform einesWerkes, so sollen auch dessen Verzierungen, gleichviel ob geometrische oder vegetabilische, aus sich durchkreu-zenden oder über Eck über und in einander gestellten Vierecken construirt sein; besteht dagegen die Grund-form aus dem Drei- und Sechseck, so müssen die Verzierungen diejenigen Formen enthalten, welche sichaus Drei- Sechs- Neun- Zwölfecken entwickeln lassen. — Was aber hier über die Construction kirchlicherGebäude und deren Bestandtheile gesagt wurde, gilt eben so auch von der weltlichen Architektur, so wie vonallen andern Zweigen der Kunst, da der christliche Dom in seiner Vereinigung der drei Künste, Architektur,Sculptur und Malerei, als das Vorbild für sämmtliche Zweige der Kunst überhaupt erscheint. So kann