beispielsweise ein und derselbe Grundriß zugleich Grundriß für ein Kirchengewölbe, und zugleich Grundrißfür eine getäfelte Zimmerdecke sein. Die Kirchenchorftühle, Schränke und Behälter in den Sakristeien, über-haupt die holzgeschnitzten Geräthschaften in den Kirchen bilden das Muster für alle Arten von Mobiliarschaft.Die ganze Ornamentik, wie solche in der kirchlichen Architektur behandelt ist, findet dieselbe Anwendungauch in der weltlichen Architektur oder im Fache der Decorirung überhaupt. Dessins für Tapeten z. B.können nach keinen andern Regeln componirt werden, als nach jenen, welche dergleichen Verzierungen aufden Teppichen zu Grunde liegen, mit welchen ehedem sowohl in kirchlichen als weltlichen Gebäuden dieWände behängt wurden. Mit einem Worte: der Styl mit seiner geometrischen Grundlage bleibt im allgemeinenstets derselbe, er mag nun für kirchliche oder weltliche Architektur, oder für andere Zweige der Kunst ange-wendet werden, abgesehen natürlich von den besondern Modifikationen, die die Verschiedenheit des Kunst-zweiges und der einzelnen Gegenstände von selbst mit sich bringt, wovon unten im einzelnen die Rede seinwird. — Aus allem bisher Vorgetragenen dürfte zur Genüge erhellen, daß die Wurzel des gothischen Stylsin den geometrischen Grundfiguren, und in diesen zunächst im gleichseitigen Dreieck und im Quadrate liegt,welche in ihrer Durchkreuzung oder Uebereckstellung über und in einander die beiden Hauptgrundregeln bilden,auf denen alles beruht. Darum bezeichnet Walther Rivius in seiner Uebersetzung des Vitruvius (Nürnberg 1548)*) „Triangel und Quadrat in rechter Symmetria" als den deutschen Steinmetzengrund,und dieAustheilung der Quadratur, von welcher er redet, entspricht offenbar der Uebereckstellung der Quadrate überund in einander, der von ihm erwähnte „fürnebfte höchste Steinmetzengrund" des Triangels aber beruhtauf der Uebereckstellung der Dreiecke. Und wenn auch nicht in allen alten Werken eine Grundregel nachbestimmten geometrischen Grundfiguren durch das Ganze bis auf dessen kleinste Details und Verzierungenhinab konsequent durchgeführt ist, so kann doch dieses (selbst abgesehen von dem Umstände, daß die aller-wenigsten größeren Werke der Alten einem Zeitalter und einem Meister angehören) die Richtigkeit desPrincips an sich nimmermehr entkräften, denn gerade in der vom einfachsten bis zum complicirtesten, vomgrößten bis zum kleinsten mit strenger Symmetrie und Consequenz durchgeführten Grundregel beruht derganze, wunderbare Zauber des vaterländischen Styles, und liegt zugleich sein Schlüssel, ohne dessen Gebrauchsowohl sein Verständniß unmöglich ist, als seine Wiederanwendung niemals lebendig zu werden und neueFrüchte zu tragen vermag. Daß aber diese Ansicht, welche sowohl aus der Natur der Sache, als aus derZergliederung der Werke der alten Kunst hervorgeht, auch die Ansicht der alten, deutschen Meister war,erhellt aus einem höchst seltenen, und so viel der Verfasser weiß, gar nicht gekannten, im Jahre 1486 gedruck-ten Büchlein über die Construction der Fialen**), welches vom Werkmeister des Regensburger Dombaues„Tumbmaister" Mathes Noriczer verfaßt, und, wiewohl es nur wenige Blätter enthält, schon um deßwillenhöchst wichtig ist, weil es die Falschheit der bisherigen Annahme, als hätten die alten Meister gar keineschriftlichen Anweisungen hinterlassen, wenigstens in Bezug auf die letzte Periode des gothischen Stylsbeweißt, und weil es Hoffnung giebt zur ferneren Auffindung ähnlicher Schätze. Meister Roriczer spricht imEingänge seines Büchleins (dessen Constructionen die vorerwähnte Quadratur zu Grunde liegt) von seiner Kunstgeradezu als von „der freyen Kunst Geometrien"; er spricht ferner von „steinmeczischer art außder rechten geometrey" und von der Weise, das ausgezogene Steinwerk, d. h. den aus dem Grundrißausgezogenen Aufriß „ausz dem gründe d' geometrey mit austailung des zirckels in die rechtenMasse" zu bringen. Die Stimme Meister Roriczer's gilt aber zugleich auch für die Ansicht der altdeutschenBaumeister überhaupt, denn er sagt bei der Darlegung seiner Anweisung nicht nur ausdrücklich, daß er
*) Vergleiche die auf den Blattern 27, 28, 29 und 30 enthaltenen Stellen.
**) D. i. der mit Blumenknäufen geschmückten Pyramiden, in welche reichverzierte Pfeiler auslaufen. Ueber den Ausdruck „Fialen", welches Wort vonRoriczer theils mit V, meistens aber mit F geschrieben ist, dient zur Vergleichung eine Stelle aus dem von Stieglitz veröffentlichten Manuskripte aus derMitte des sicbenzehnten Jahrhunderts, wo es heißt: „Die Alten haben die Pfeiler mit Violen und Maaswerk abgeblattet." Auch Walther Rivius in demvorerwähnten Werke spricht Blatt 83 von der Verzierung „mit dem Maaßwerck und Violen", und sagt Blatt 29, daß die vorerwähnten Pfeilerpyramiden„von unseren Teutschen Steinmetzen Fiolen" genannt werden. Der Ausdruck dürfte wohl von pluyl» abgeleitet werden, welches unter andern auch gläserneFlasche heißt, und auf die Ähnlichkeit einer gothischen Fiale mit einem langen Flaschenhälse hinweist, wornach der für eine gewisse Art von Flaschen nochgültige Ausdruck „Fiole", oder nach der Ableitung aus dem Lateinischen „Fiale " der richtigste wäre. Wenn übrigens in den Fialen die vegetabilische Verzierungvorherrscht, nämlich die Blumen, mit welchen deren Kanten abgeblattet sind, so dürfte unter dem Maaßwerk (vergleiche die Ausdrücke „Mason " und „Masonei",dann die Stelle des Walther Rivius, wo Blatt 27 von der Aufrcisung „aus dem teutschen Steinmetzengrund des Maßwerks" die Rede ist) die schon im Grundrißliegende, in den Feldern des Aufrisses zur geometrischen Verzierung vereinigte gothische Gliederung zu verstehen sein, bei welcher das Maaß überwiegender alsin dem freieren Elemente vegetabilischer Verzierung vorherrscht. Darauf deutet auch die obenangeführte Stelle Roriczer's hin, wo er davon spricht, wie dasausgezogene Steinwerk aus dem Grunde der Geometrie in die rechten Maaße gebracht werden solle.