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solche „nit allein" aus sich selbst geschöpft habe, sondern er beruft sich auch dabei auf „die alten der kunftewissenden Und nemlichen dj jungkhrn von präge" (die Junker von Prag ), welche mit Meister JohannHültz von Köln dem Baue des im Jahre 1439 vollendeten Straßburger Münfterthurms vorstanden*).
3. Andeutungen über die Beziehung des Sryles aufdie Natur und über Gymbolisirung höherer Ideen.
chon oben wurde erwähnt, daß die Verzierungen des Stples in geometrische und vegetabilischezerfallen. Dieß führt darauf, daß im gothischen Style zwei Elemente herrschen, das der Geometrieund das der Natur. Aus dieser Verschmelzung geometrischer und Naturbildung im Style folgtschon von selbst, daß die Geometrie von den alten Meistern nicht als abstrakte Wissenschaft gedacht, sondernals im innigsten Zusammenhang mit der Natur erkannt, und auf eine praktische Art ausgeübt wurde.Die Symmetrie, welche in allen Bildungen der Natur herrscht, weist auf gewisse ursprüngliche Bildungs-gesetze hin, welche mit den Gesetzen der Geometrie, nämlich mit den geometrischen Grundfiguren der Vieleckeoder mit der Kreistheilung völlig zusammentreffen; und wenn die Geometrie ihre Figuren in ndsti-netoconstruirt, so finden wir in den wirklichen Naturbildungen gleichsam eine lebendige Geometrie; eine lebendig-freie Schöpfung nach geometrischen Gesetzen. Dieß geht aus der Zergliederung wirklicher Naturbildungen,vorzugsweise der Mineral- und Pflanzenbildung hervor**). Die Grundformen der Krystalle bestehen ausVielecken, und auch hier finden wir das Drei- und Viereck als Primitivformen. So erscheinen als dieKernformen mancher Krystalle das Teträdrum, welches aus vier gleichen, gleichseitigen Dreiecken besteht, —die sechsseitige Säule, — der aus sechs Quadraten bestehende Würfel, — die quadratische Säule, welche ausüber einander gesetzten Würfeln gebildet ist. Zugleich finden wir unter den Kernformen der Krystalle gewisseModificationen, wie vornamlich die Enteckung und die Entkantung, welche mit der Art der Grundformen-bildung des gothischen Styls, mit der Abfasung oder Wegnahme der Ecken und Kanten, die auffallendsteAehnlichkeit haben. Auch kann hier nicht unberührt bleiben die in der Natur vorkommende Verwachsungzweier Krystalle mit einander. So entspricht die Verwachsung zweier quadratischer Säulen in einander voll-kommen der in Figur nä 1 des Vorlegeblattes II dargestellten Durchkreuzung oder Uebereckftellung zweierQuadrate über einander. Eben so führt die Zergliederung der vegetabilischen Bildung durch den Durchschnittder Saamenbehälter, die Form der Blüthen und Blätter, die Zwei- Drei- Vier- und Mehrblättrigkeit derverschiedenen Pflanzen auf die Kreistheilungsgesetze (die Theilung des Kreises in zwei, drei, vier und mehrereTheile) zurück; und der drei- vier- fünf- sechseckige (oder bei einigen Pflanzen sogar aus Ecken und Rund-stäben bestehende) Durchschnitt vieler Pflanzenstengel hat mit dem Durchschnitte gothischer Gliederungendie überraschendste Aehnlichkeit. Da nun den Naturbildungen geometrische Bildungsgesetze zu Grunde liegen,und dieselben geometrischen Gesetze auch bei den Schöpfungen des gothischen Styles untergelegt sind, so istdie Verwandtschaft in den Resultaten beider erklärlich. Es wäre aber eine eben so große Herabsetzung desvaterländischen Styles, wenn man in ihm nur eine Nachahmung äußerer Naturgegenstände erblicken wollte,als wenn man wähnte, seine Phantasiereichen Schöpfungen seien aus einer bloßen Zusammensetzung geome-trischer und arithmetischer Verhältnisse hervorgegangen. Seine Verwandtschaft mit der Natur und derenBildungen ist zu sichtbar, um sie zu verkennen, da er eben diese Naturbildungen in ihrem vollen Umfange insich aufgenommen hat. So treffen die aus geometrischen Grundfiguren gebildeten Grundformen des Styles,welche aus dem Grundriß in den Aufriß emporwachsen, mit den Bildungsgesetzen der dem Mineralreichangehörenden Krystallgrundformen zusammen; die Pflanzenbildung aber ist vorzugsweise in der Ornamentikdurch Blumen- und Laubwerk enthalten, welche, wie am deutlichsten in den Formen der Blätter, Blüthen,und in den Früchten zu erkennen ist, zugleich den besondern Charakter der vaterländischen Vegetationan sich tragt; und endlich sind aus dem Reiche des Lebendigen alle Gestalten angewendet. Und gerade diese
*) Mit dem, was in vorstehendem Abschnitte über das Dreieck und Quadrat als Hauptgrundrcgcln des gothischen Styls gesagt wurde, trifft zusammen,was schon »oisservs in seinem bekannten Kölner Domwcrke von der Ordnung des Drei- Sechs- und Zwölfecks, und von der Ordnung des Wer- undAchtecks angeführt hat. Die weitere Ausführung darüber sollte wohl in die Untersuchungen über die alte Kirchenbaukunst aufgenommen werden, weiche alsletzte Abtheilung des Kölner Domwerkcs demselben in einem besondern Lctavband nachzufolgen bestimmt waren. Daß dieselben nicht erschienen sind, ist um somehr zu beklagen, als der Verfasser des Domwerks eine Abbildung und Erklärung des, die Eonstruction einer Kirche nach dem Grunde des Achtecks („Acht-Ort und Acht-Uhr") enthaltenden, Meisterstücks des letzten Werkmeisters der Reichsstadt Nürnberg : Lorcnz Kicskalt besitzt, welche ihm von letzterem selbstüberlassen worden war.
**) Belege hicfür sind enthalten in dem schätzbaren Schriftchcn: „Gesetze der Pflanzen- und Mineralicnbildung angewendet auf altdeutschen Baust»!,von I. Metzger, Stuttgart 1835."