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Beziehungen auf die Natur sind es, welche, wie sich z. B. in den Begleichungen des Innern unserer Domemit den deutschen Wäldern ausspricht, dem vaterländischen Style eine so eigenthümliche Poesie verleihenund in Verbindung stehen mit dem angestammten Natursinn der deutschen Bölker, mit ihrem ursprünglichenWaldesleben und der uralten deutschen Frühlingsluft, die noch lebt in den Maifeften und Maibäumen, undsich von jeher in den Handwerksgebräuchen der Maurer und Zimmerleute kund gegeben hat, welche dieVollendung ihrer Werke mit jungen Bäumen oder frisch grünenden Zweigen zu krönen Pflegen. Aber dieserZusammenhang des Styles mit Naturbildungen besteht keineswegs in bloßer Nachahmung der letzteren-sonden beruht auf der gemeinschaftlichen Wurzel beider in der Geometrie. Und aus diesem Zusammen-treffen der geometrischen Grundgesetze des gothischen Styls mit den, den Naturbildungen zu Grunde liegendenGesetzen erklärt sich nicht nur die innige Verwandtschaft beider, sondern es erklärt sich daraus zugleich auchdie Unabhängigkeit des Styls von den Naturbildungen. Denn wenn er auch solche nachzuahmen scheint, wieso nahe liegt in der Ornamentik durch Blumen- und Laubwerk, so verläßt er doch niemals seine geome-trische Constructionsweise, sondern er nimmt durch das, der wirklichen Pflanzenbildung ja auch zu Grundeliegende, geometrische Kreistheilungsgesetz eine Reproduktion, vielmehr eine neue organische Pflanzenbildung:die Stylisirung von Blumen und Pflanzen vor. Eben so wenig, wie bloße Nachahmung von Naturbildungen,findet aber auch bloße trockene Zusammensetzung und Berechnung geometrischer und arithmetischer Verhältnissestatt, ungeachtet die Grundformen des Styles geometrischen Grundsiguren entnommen sind, und ungeachtetden jedesmaligen letzteren bestimmte arithmetische Verhältnisse entsprechen, da, wenn das Drei- und Sechseck,oder das Vier- und Achteck angenommen sind, daraus die Zahlen 3 und 6, oder 4 und 8 von selbst sichergeben. Vielmehr findet ein gegenseitiges Durchgingen der geometrischen Gesetze und der Naturbildungenim gothischen Style statt. In den letzteren, für sich betrachtet, erscheint das geometrische Element unter-geordneter, es tritt nämlich nicht so sichtbar hervor, und es findet größere Freiheit der Entwicklung statt;dagegen ist umgekehrt im gothischen Style das Naturelement mit seiner Freiheit untergeordneter und vielmehrbeherrscht durch das geometrische Element, welches dem Ganzen jene strenge Symmetrie und Consequenzgiebt, die dem Style seinen festen Halt in sich ertheilt, und alle einzelnen Theile des Ganzen als wie auseinem Gusse hervorgehen läßt, während das mitwirkende Naturelement dem Werke jenen Zauber kühner undungehemmter künstlerischer Phantasie verleiht, der es vor Erstarrung in abstrakter geometrischer Constructionbewahrt. Darum herrscht auch hier ein so freier Spielraum für die Phantasie des Künstlers, wie in keinemandern Style möglich ist. Denn, während im vaterländischen Style schon durch die Uebereckftellung der sovielfältigen, geometrischen Grundsiguren über und in einander sich eine fast grenzenlose Mannichfaltigkeitsowohl der Grund- als Verzierungsformen erzeugen läßt (was gerade nur durch diese dem gothischen Styleeigenthümliche Construction der Uebereckstellungen statt finden kann), wozu noch die Ausschmückung der ein-zelnen Theile durch die Ornamentik in vaterländischem Laub- und Pflanzenwerk hinzutritt, welche derschönsten Stylisirung fähig ist, sind in allen andern Stylen doch nur Wiederholungen oder Copien schonvorhandener Werke möglich, und es muß daher der gothische — vielmehr deutsche — Styl gerade als derjenigebezeichnet werden, welcher (ganz abgesehen davon, daß er zugleich der einzige ist, der den Erfordernissen derchristlichen Kirchenbaukunst völlig entspricht)*) allein den Keim ewig jungen und neuen Lebens in sichträgt.—Dieser Zusammenhang der Natur und Kunst durch die Geometrie schwebte den alten Meistern, welcheGott als den großen Baumeister des Weltalls verehrten, gewiß klar vor, und nicht ohne Bedeutung wird
*) Dieser Satz ist in der, gegenwärtigem Werke angehängten, Abhandlung über Geschichte und Restauration der deutschen Baukunst weiter ausgeführt.In den „Andeutungen zu einer tieferen Begründung der Geschichte der religiösen Kunst von Friedrich Beck, herausgegeben von der Gesellschaft für deutscheAltcrthumskundc zu München 18Z4" ist folgende treffende Stelle über das Verhältniß der christlichen zur antiken Kunst enthalten: „Indem sie (die Kirche)unbedenklich die antike Baukunst und Plastik an die Stelle der bisherigen, vorn Christenthum selbst erzeugten, setzte, übersah sie gänzlich, daß die Idee derKirche, als des vorbildlichen Himmels, der heidnischen Vorzeit völlig fremd und unbekannt war. Denn obwohl auch diese ihre Tempel hatte, mit denen sichdie Vorstellung des Himmels verband, so war dies doch ein ganz anderer, als der christliche. Es war nur eine dunkle Ahnung desselben, die sich unwill-kübrlich und bewußtlos erzeugte, ohne je zur Klarheit zu gelangen. Die Kunstformcn des Hcidenthums hatten also hiefür durchaus keinen Ausdruck, wieüberhaupt für christliche Ideen, von welcher Art sie seyen. Daß man sie gleichwohl zu ihrer Darstellung fortwährend und bis zur Stunde auf ganz widersinnigeWeise nöthiget, scheint unerklärlich. Aber das Räthsel lößt sich, wenn man erwägt, daß gleich mit dem Eintritts des Alterthums dasselbe eben so sehr vorneinseitig subjectiven Standpunkte aus betrachtet wurde, als in den ersten drey Jahrhunderten, und auch noch späterhin beinahe das ganze Mittelalter hindurchder einseitig objective herrschend war. Denn, indem man die alte Kunst nur als ein Produkt des Schönheitsgcfühlcs der Menschheit überhaupt ansah, undihre absolute, idolatre und eigenthümlich religiöse Bedeutung gänzlich verkannte, mußte man dahin kommen, sich die Kunst als etwas von dem religiösenBewußtseyn Getrenntes und Trennbares zu denken. Man isolirte den Begriff des Schönen von dem des Sittlichen und Wahren, und erhob ihn so zurhöchsten Einseitigkeit, zu einem Idol der schlimmsten Art."