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„gleich gemacht, jedoch, daß sothane Schäfte mit des Chores Mauern, ob sie schon mit denselben in Einer Starke sind,„nicht in Einer Linie oder Lichtweite laufen, sondern mit drei Seiten ihrer achteckigen Form selbigen vorstehen.„Die Flügel nehmen ihre kommliche Proportion daher, wenn die Weite des Chores in drei Theile getheilt wird,„daß man deren zwei jedem Flügel gebe, und zwar außerhalb der Chormauer. Und diese Weite zweyer solchen„Theile behalten nun fort alle die andern Pfeiler des Baues, von einem Mittel zum andern, welches zugleich den„Platz für die Dienste an der Umfassungsmauer bestimmt. Da durch die Flügel das Langhaus eine weitere„Spannung bekommt, als der Chor, so muß die Umfassungsmauer des Langhauses um Vz der Chormauer stärker„gemacht werden. Die Pfeiler werden gerade so wie im Chor. Die Fenster ebenfalls wie im Chöre. Die Borsprünge„ des Kreuzes liegen so weit heraus, als die Flügel breit sind, und ihre Mauer hat die Mauerstärke des Chores. Die„Länge des Baues richtet sich nach dem Orte, ob er sehr volkreich ist oder nicht." Daß Chor und Langhaus einerleiLichtweite haben, trifft bei allen alten Bauten zu, hingegen ist das Verhältniß der Flügel zum Verhältniß des Choresund Langhauses, wie nachher gezeigt werden wird, ein sehr verschiedenes. Daß die Flügel, wie das alte Manuskriptvorschreibt, zwesDrittheile der Chorlichtweite enthalten sollen, ist nur eines dieser Verhältnisse, kommt jedoch sehr oftvor. Auch hier zeigt es sich wieder ganz klar, daß das alte Manuskript die geometrischen Verhältnisse nur kürzer durchZahlen ausgedrückt hat, indem zwei Drittheile der Chor-Lichtweite zur Flügel-Lichtweite zu nehmen, nichts andersheißt, als aus der Chor-Lichtweite die Diagonale der einzelnen Flügelgewölbe zu bilden, indem die einzelnenGewölbschäfte ebenfalls zwei Drittheile der Chorlichtweite von einander entfernt sind, mithin die FlügelgewölbeQuadrate sind, und deren Diagonale der ganzen Chorlichtweite gleich kommt. Ganz genau trifft dieses Verhältnißder innern Einteilung bei der Oppenheimer Katharinenkirche zu, wodurch der beste Beweis für die Aechtheit derRegeln des alten Manuskripts geliefert wird, da die Oppenheimer Kirche entschieden zu den bedeutendsten,gothischen Gebäuden aus der besten Zeit gehört. Was die Stelle des Manuskripts betrifft, welche wegen der, durchdie Flügel entstehenden, weiter» Spannung des Langhauses die Verstärkung der Umfassungsmauer des Lang-hauses um ein Drittheil der Chormauer vorschreibt und die Pfeiler im Verhältniß der Chorpfeiler beläßt, so ist dieseRegel gleichfalls richtig, wiewohl auch sie nur eine der verschiedenen Arten bezeichnet, welche man hier anzuwendenpflegte, indem das umgekehrte Verhältniß eben so richtig ist, und beide Arten bei alten Werken vorkommen,worüber schon oben mehreres erklärt wurde. So ist z. B. in der Oppenheimer Kirche die Stärke der äußernUmfassungsmauer viel schwächer, als die Stärke der Chormauer, wogegen die Pfeiler der äußern Umfassungs-mauer viel stärker als jene im Chöre sind. Was endlich den Schlußsatz des alten Manuskripts betrifft, das sichdie Länge der Kirche nach der Größe des Ortes richte, so muß derselbe nicht so willkührlich ausgelegt werden, alser dem Anscheine nach allerdings zu sein scheint, indem er sich offenbar nur darauf bezieht, wie viele Gewölbfelderder Kirchenlänge zu geben, oder vielmehr, wie viele noch außer dem bestimmten Verhältnisse hinzuzufügen,oder von demselben hinwegzulassen seien, da die Größe der einzelnen Gewölbfelder an und für sich von bestimmtenRegeln abhängt. Schon Stieglitz hat darauf hingewiesen, daß die Eintheilung der Kirchenlängen hinsichtlich ihrereinzelnen Theile sich auf die Grundzahl des Chores beziehe. Er nimmt die Vierung des Kreuzes (oder die Weitedes Chores) als die Einheit, d. h. als eine Seite des Grundquadrats an*), und bestimmt die Zahl der zur Längeder Kirchen an einander zu reihenden Einheiten nach der Grundzahl des Chores. Doch treffen die Beispiele, dieer anführt, nicht alle richtig zu, weil die Tiefe der einzelnen Gewölbfelder oder die Entfernung von einer Schaftaxezur andern fast niemals der Einheit des von Stieglitz angenommenen Grundquadrats (der Kreuzvierung) gleichist, sondern weit weniger beträgt. Statt nach solchen Einheiten, wie sie Stieglitz annimmt, zu rechnen, hat daherGrueber (in seinem oben angeführten Werke S. 35) mit Recht die Entfernung von einer Schaftaxe zur andernnach dem Längendurchschnitt als ein Grundmaaß angenommen. Doch kann das aus diesem Verhältniß gewonneneViereck nicht wohl das Grundquadrat sein, weil sich hier von selbst die weitere, ungelöste Frage aufdringen muß,wodurch denn das Maaß dieser Schaftaxendistanz bestimmt werde? Eben so wenig liegt das Grundquadrat (vonwelchem man zwar seit Stieglitz viel gesprochen hat, ohne dasselbe jedoch genügend festzustellen) ausschließlich indem Quadrate der Kreuzvierung. Vielmehr ist dasselbe lediglich in der Quadratur des Chorschlusses zu suchen,da die Quadraturlinien bei der Gleichheit der Chor- und Langhaus-Weite ebenso wie im Chorschluß, auch in derVierung des Kreuzes construirt werden können, wenn der Chorschluß auch nicht aus dem Achtort conftruirt ist.Das Quadrat der Kreuzvierung erscheint daher auch, wiewohl nicht ausschließlich, als Grundquadrat, indem dieQuadratur aus drei in einander stehenden, verhältnißmäßigen, Quadraten besteht, innerhalb deren Dimensionenes frei steht, das für die übrigen Verhältnisse des Kirchengrundrisses normirende Grundquadrat zu wählen. Daßhierin schon von vorn herein die Möglichkeit einer unendlich verschiedenartigen Gestaltung des Ganzen gegeben
*) Stieglitz Geschichte der Baukunst von, frühesten Alterthume bis in die neueren Zeiten, Nürnberg 1827. S. 345 u. f.