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richten sich die Kreuzarme nach dem Langhaus mit seinen Flügeln, wiewohl sie demselben an Ausdehnungselten gleichkommen. So sind die Kreuzarme der Marburger Elisabethskirche und des Frankfurter Domes ein-schiffig/ während die Kirchen dreifchiffig sind; die Kreuzarme des Kölner Domes enthalten drei Schiffe, und derDom selbst fünf Schiffe. Als eine besondere Eigenthümlichkeit der englisch -gothischen Architektur müssen diedoppelten Kreuzarme derselben angeführt werden, von welchen in der Regel die einen größer, und die andernkleiner sind. Bereits oben war davon die Rede, daß die Kreuzarme englischer Kirchen häufig im Centrum mitgroßen Thürmen gekrönt sind, während sich in Deutschland an dieser Stelle gewöhnlich nur Dachreiter befinden.Die Quadratur des Chorschlusses, wie sie in dem, im Borlegeblatte xm. k. wieder gegebenen, alten Meister-geheimnisse enthalten ist, bildet nun die eine Hauptregel, aus welcher die übrigen Grundrißverhältnisse des Lang-hauses, wie seiner Flügel, abgeleitet werden können. Daß letzteres wieder auf die mannigfaltigste Art möglichist, folgt schon daraus, daß, wie aus dem vorhergesagten über das Grundquadrat erhellt, dessen Größe innerhalbder Chor-Quadratur selbst auf verschiedene Art normirt werden kann. Die älteste und einfachste, noch aus dervorgothischen Architektur stammende Art besteht darin, den Flügeln die halbe Breite des Langhauses zu geben,welche man beibehielt, auch wenn letzterem auf beiden Seiten je zwei Flügel angereiht wurden, daher dann dieBreite von je zwei Flügeln der Breite des Langhauses gleich kam. Nach dieser Construction ist das innersteViereck der Chorquadratur (übe6 in Figur 1) das eigentliche Grundquadrat, welches in der Sichtweite derFlügel, wie in der Schaftaxen-Distanz einmal, und in der Lichtweite des Chores und Langhauses zweimal enthaltenwar. Als Beispiel hierfür dient der Wormser Dom , welcher diesem Verhältniß vollkommen entspricht. Sehr nahekommen demselben auch die Kirchen zu Coblenz und Gelnhausen . Diese Art wurde auch in der gothischen Periodebeibehalten und häufig angewendet, wie z. B. bei der Marburger Elisabethskirche, deren Flügelgewölbe Quadrate bilden, welche der halben Chorweite gleich sind, woraus folgt, daß die Distanzen der Schaftaxen gleichfalls diehalbe Chorweite enthalten. Eben so ist das Verhältniß der Kirche zu Fanten, welche aus sechs gleichen Theilenbesteht, von welchen je zwei den quadratischen Flügelgewölben angehören, und der fünfte und sechste das Mittel-schiff bildet. Auch der Straßburger Münster hat das innerste Viereck der Chorquadratur zum Grundquadrat,indem dasselbe in der Schaftaxendistanz einmal und in der Lichtweite des Chores und Langhauses zweimal enthalten,dagegen zur Lichtweite der Flügel die Diagonale dieses Grundquadrats genommen ist. Nach einer andern Art istdas mittlere (in Figur 1 mit 6 f bezeichnete) Quadrat der Chorquadraturals Grundquadrat zu den Schaftaxen-distanzen, und dessen Diagonale oder die lichte Chorweite zur Diagonale der Flügelgewölbe genommen. So sindz. B. in der Kirche zu Grünberg die Schaftaxen-Distanzen und Gewölbfelder nach dem mittlern Quadrat derChorquadratur als Grundquadrat bestimmt, und die Weite der Flügelgewölbe besteht aus der Diagonale desGrundquadrats, wobei die Distanz von der Linie der Schaftaxen bis an die Umfassungsmauer genau der Distanzder einen Linie des mittleren Chorquadrats bis an die gegenüberstehende Linie des äußersten Chorquadrates (alsoz. B. im Chorgrundriß Figur 1 von kbis nn) gleich kommt. Das Verhältniß, welches aus dem mittleren Chor-quadrat als Grundquadrat für die Schaftaxen-Distanzen, und aus dessen Diagonale für die Flügelweite resultirt,trifft so ziemlich mit demjenigen überein, welches, wie oben erwähnt, im alten Manuskripte durch Zahlen ausge-drückt ist, und den Flügeln ^ der Chorlichtweite giebt, für welche Art die Oppenheimer Katharinenkirche alsMuster angeführt wurde. Sehr häufig ferner ist das Verhältniß der Sichtweite des Chores zu den Flügeln vonder Art, daß die halbe Diagonale der Gewölbfelder des Mittelschiffs die Weite der Flügel abgiebt. Sind bei dieserGestaltung die Gewölbfelder des Langhauses mehr quadratisch, so bilden die Gewölbfelder der Flügel mehr oblongeTheile (in der Richtung des Längendurchfchnitts), sind aber erstere, wie gewöhnlich, mehr oblong, so fallen jeneder Flügel mehr quadratisch aus. Dieß Verhältniß findet sich z. B. in der Nürnberger St. Sebaldskirche, undläßt sich dadurch normiren, daß man aus der lichten Chorweite zwei gleichseitige, mit der einen Spitze in der Mitteaneinanderstoßende Dreiecke bildet, und nach der, durch dieselben gegebenen Distanz die Gewölbfelder bestimmt,wie es bei'm Grundrisse des Langhauses Figur 1 geschah, in dessen erstem Gewölbfeld das eine dieser beidenDreiecke, welches mit 8 tu bezeichnet ist, durch seine eine Seite 8u (oder die halbe Diagonale 8 t des Langhaus-Gewölbfeldes) zugleich die Schaftaxendistanz und die Flügelweite normirt, deren Gewölbfelder demnach Quadratebilden, während jene des Langhauses oblong sind. Wollte man diese Art aus dem Grundquadrate ableiten, somüßte hier die eine Seite des Dreiecks als aus einem, zwischen dem innersten und mittleren Quadrate der Chor-quadratur in Mitte liegenden (im Chorgrundriß der Figur 1 in der Quadraturdistanz oou enthaltenen) Grund-quadrate entnommen bezeichnet, und könnte demnach als keine bestimmte Distanz der Chorquadratur bezeichnetwerden. Diese Constructionsart kann daher, da hier überhaupt von keinem Grundquadrate, sondern von einemGrundtriangel die Rede ist, nicht wohl aus der Quadratur entwickelt, sondern die beiden aus der Sichtweite