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Gothisches ABC-Buch, das ist: Grundregeln des gothischen Styls für Künstler und Werkleute / von Friedrich Hoffstadt
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angewendet wurden. Die Figur 2 enthält aber, abgesehen von der Ähnlichkeit mit dem Eichenblatte, noch eine ganzbesondere Verwandtschaft mit dem Blatte einer hie und da auf den Wiesen weiß blühenden, Bärenklau genanntenDolde. In Figur 4 zeigt sich entschieden das Weinblatt mit der Traube. Eben so unverkennbar ist in - Figur 5xxvi. die Distelbildung dargestellt, welche sich besonders auch durch ihre Blüthe charakterisirt. Die Figuren 3 und»6 3. 3 endlich gehören einerlei Art an, nur daß das Blatt 3 ohne, und das Blatt 3 mit einer kirschenähnlichenBeere versehen ist. Ich halte diese Blattbildung für eine Stylisirung des Epheublattes. Insbesondere stimmendie hier vorhandenen, spitzig dreieckigen Blattendigungen mit den Blattern des kleinen Epheu überein, und dergroße oder Baum-Epheu hat Beeren, welche sich mit den, in Figur 3 vorhandenen, vergleichen lassen. DieZaunrübe hat gleichfalls Ähnlichkeit mit dem hier dargestellten Blatte, besonders auch hinsichtlich ihrer Blüthen-beeren. Daß übrigens die deutsche Pflanzenwelt ein unerschöpfliches, bei weitem noch nicht im größten Umfangefür die Architektur ausgebeutetes Feld bildet, aus welchem die schönsten Gestaltungen auch für die jetzige Baukunstzu entlehnen wären, dieses hat man in neuerer Zeit bei den Fortschritten in den Naturwissenschaften mit Rechtanzuerkennen angefangen, nur muß man bei diesem Bestreben nicht auf halbem Wege stehen bleiben, oder gardie Elemente der deutschen Flora nur dazu benützen wollen, um aus ihnen Formen zu bilden, welche einervaterländischen Kunstrichtung geradezu entgegengesetzt sind, d. h. man muß nicht (was allerdings jüngst vorge-kommen) aus deutschen Pflanzen griechische Laubornamente entwickeln wollen: eine Richtung, welche offenbarebenso verkehrt, als antinational ist. Offenbar muß es uns Deutschen viel näher liegen, unsere Pflanzen imSinne der deutschen Architektur anzuwenden und zu behandeln. Daß solches im Mittelalter geschehen, habeich oben erläutert. Ich füge hier noch eine kurze Andeutung über die Schönheit einiger, so ganz zur Anwen-dung für unsere Laubornamentik geeigneter, deutschen Pflanzen hinzu. Eine auffallende Ähnlichkeit mit demEichenblatt hat das Blatt des solanum marKinatum. Eben so ließen sich analog mit dem Eichenblattedas Coloquintenblatt und die Meerflechten ftylisiren. Die runde Behandlung der Eichenblätter habe ich in denFiguren 2 und 3 des Vorlegeblattes xxm, im Vorlegeblatte XX, in den Figuren 3, 7 und 14 des Vorlege-blattes XXI angewendet. Als Vorbilder für die vorerwähnten Blattrand-Umschläge (welche ich häufig, z. B.in den Figuren 8 des Vorlegeblattes xvm, dann 7 und 12 des Vorlegeblatts xxi gebrauchte) erscheinendie Blätter des Lattichs und der krausen Kohlarten, besonders des Büschel-Krauskohls. Der runden Blatt-behandlung am entgegengesetztesten ist die eckige Blattart der Diftelblätter (vergl. Vorlegeblatt XXVI Figur 5),welche indeß bei vielen andern Gewächsen gleichfalls vorkommt, und von welcher die Figuren 7 und 8des Vorlegeblattes xvm eine der am häufigsten vorkommenden Behandlungsarten zeigen. Für eine solcheAnwendung würden die Blätter des Lungenkrauts, wie auch der Stecheiche, des Scharlachgrän's und desBauernsenfs besonders gut passen, und eine eigenthümliche Stylisirung zulassen. Selbst besondere Distel-arten, wie z. B. die Speerdisteln, oder den Diftelarten ähnliche Bildungen, wie diejenigen des Stechapfelsund des Magsaamens, ferner der Rauken, des Löwenzahns und vieler Senfarten wären zu einer eigenthümlichschönen Behandlung sehr geeignet. Ein besonders charakteristisches Laubornament würde sich aus der Stylisirungdes Farnkrauts oder auch anderer Blätter bilden lassen, welche ihrer äußeren Umfangsform nach Ähnlichkeitmit dem Farnkraut haben, wie manche Doldengewächse, z. B. die gelben Rüben, ferner der Paftenack und derSchierling . Auch die Blätter der Kreuzwurz, besonders der wollichten, wären der schönsten Stylisirung fähig.Endlich kommen noch besonders reiche, vielgliedrkg ausgeschnittene Blattformen vor, mit welchen das reicheLaubwerk der gothischen Architektur (wie etwa die, in den Vorlegeblättern xxn Figur 6 und XXIII Figur 5dargestellten, Rosetten) analog ist. Als Beispiele solcher reichen Blattformen, und zwar mit runden Blatt-endigungen, führe ich die Holwurz und die Ackeley an, als solche mit spitzigen Blattendigungen aber die Hahnen-fußarten wie den Storchschnabel, oder das Wiesengeranium, welches an der Liebfrauenkirche zu Trier (fast ohnealle weitere Stylisirung) an dem, aus der Kirche in die Sakristei führenden, Seitenportale, wie an Kapitälen desHauptportals angewendet ist. Solche vielgliedrige Blattendigungen enthalten ferner der Wassereppich, die Blätterdes Balsamapfels, und in einer sehr eigenthümlichen, der schönsten Stylisirung fähigen, Form die Blätter desEisenhuts. Auch die verschiedenen Moosarten enthalten Formen, welche sich sehr wohl zur Anwendung fürLaub - Ornamente eignen, wie z. B. außer den, oben erwähnten, Meerflechten die verschiedenen Arten vonBaumflechten, mit welchen analoge Gestaltungen in der spätern gothischen Periode vorkommen. So viel überdie geometrische Bildung der Pflanzenformen überhaupt, und über die wünschenswerthe Anwendung der deut-schen Pflanzenformen auf die Laubornamente unserer vaterländischen Architektur. Dieß vorausgeschickt, gehe ichnunmehr auf gewisse allgemeine Regeln für die Laubornamentik, und namentlich auf die, derselben zu Grundeliegenden, geometrischen Grundfiguren über. Auch hier ist es wieder vorzugsweise die Quadratur, auf welcher