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zu legen, sondern an Wänden aufzustellen. Gewöhnlich sind die Verstorbenen auf solchen Grabsteinen in ganzerFigur, mit einfacherer oder reicherer Architektur eingefaßt, oder auch baldachinartig gekrönt, dargestellt. DieInschriften befinden sich rings um den, ein oblonges Viereck bildenden, Stein auf seiner äußersten Randplatte,welche zuweilen nach außen abgeschrägt ist. Die Grabsteine dieser Art sind allenthalben noch ziemlich zahlreichvorhanden, und in Bezug auf weltliches und geistliches, männliches und weibliches Costüme von besonderemInteresse. Oft ist ihre Ausführung sehr vollendet, die Figuren Hochrelief, und die Form des Ganzen sehr überhöht,indem über den Köpfen weit vorspringende und durchbrochene, baldachinartige Gestaltungen angebracht sind.Beispiele solcher, wenn theilweise auch der spätesten, bereits ausschweifenden Stylperiode angehörender, doch aufdie kunstvollste und zarteste Weise ausgearbeiteter Grabmonumente sind jene der alten Churfürsten von Mainz in ihrem Dome an den Pfeilern des Langhauses, unter welchen sich jenes Alberts von Sachsen ( 1484 ) durch denschönen, geistvollen Kopf, die edle Haltung der Gestalt und die treffliche Drapperie am meisten auszeichnet.Eine kleinere und bescheidenere Art von mittelalterlichen Grabmälern sind diejenigen, welche ein Relief ausder Heiligengeschichte enthalten, und des Verstorbenen nur in der Inschrift erwähnen, oder ihn höchstens inkleinem Maaßstabe knieend zu den Füßen des Kreuzes oder der Madonna darstellen. Die reichste Art der'Grabmonumente bilden die Hochgräber, welche die Form der turabu der Altäre haben, mithin erhöhte, oblongeVierecke sind, auf deren oberster Platte unter Baldachinen die lebensgroßen Figuren der Verstorbenen liegen,während an den Seitenwänden in architektonisch verzierten Feldern oder Abtheilungen Reliefs angebracht sind.Ein Beispiel dieser Art ist das Hochgrab Kaiser Friedrich's m. im Wiener Münster . Dasselbe steht auf erhöhtenStufen und ist ringsum von einem durchbrochenen, reichverzierten Steingeländer umgeben. Man hat in neuererZeit einige Grabmonumente in Form von Hochgräbern ausgeführt, wobei jedoch zu erinnern, daß es ein Mißgriffist, wenn man dieselben auf Kirchhöfen ins Freie setzt, weil hier Wasser und Schnee auf den liegenden Figurenstehen bleiben und sie zerstören, wovon natürlich im Innern von Kirchen, oder auch unter Arkaden von Kirch-höfen keine Rede sein kann. Manchmal sind Hochgräber an Wänden angebracht und geben alsdann Gelegenheit,die Nische, in welcher das Hochgrab sich befindet, mit reicher, wimbergenartiger Gestaltung zu umgeben. Vondieser Art ist das (durch Moller's Werk veröffentlichte) Grabmal des Bischofs Cuno von Falkenstein in derCaftorskirche zu Coblenz *). Außerhalb der Kirchen kommen, wiewohl ausnahmsweise, auch tabernakelartige Grab-monumente vor, nämlich Pfeiler mit mehr oder weniger reichen, Helm - und sialenartigen Endigungen, an welchendie Grabinschrift meistens unter einem Relief aus der Heiligengeschichte angebracht ist. Bereits oben bei Erklärungdes Vorlegeblattes xv bemerkte ich, daß die daselbst in Figur 5 enthaltene Gestaltung für die Bildung solchertabernakelartiger Monumente benützt werden könnte. Wenigstens enthalten die einzelnen Theile jener Figurüberall anwendbare Formen. Die von mir in diesem Buche gegebenen Grabmonumente wurden nach meinenZeichnungen ausgeführt, sollen jedoch keine anderen Ansprüche machen, als nur zeigen, wie man einfache Bil-dungen, besonders, wenn die Mittel zur Ausführung beschränkt sind (was bei Grabmonumenten der gewöhnlichereFall ist), stylgemäß zu behandeln hat. Diese in den Vorlegeblättern xxxiv, dann xxxvn bis xxxix enthaltenenRisse sind alle nach einem und demselben, nämlich dem rheinischen Maaßstabe entworfen. Die Grabsteine in denVorlegeblättern xxxiv und xxxvn zeigen, wie man bei Monumenten, welche an Kirchhofwänden angelehntsind, aus der seither üblich gewesenen (allerdings auch wohlfeilsten) oblong viereckigen Form mit wenig Aufwanddoch etwas stylgemäßes bilden kann, was stets die schwerste Aufgabe für den Architekten bleibt, da bei vielenxxxiv. Mitteln eine große und reiche Composttion unendlich leichter ist. Bei dem im Vorlegeblatte — xxxiv dargestellten(auf dem Kirchhofe zu Darmstadt ausgeführten) Grabsteine war die Aufgabe schwierig, weil höchst beschränkt.Es sollte hier das Ganze aus zufällig vorhandenen Steinen (deren Schnitt aus Versehen bei der Lithographirungnicht angezeigt wurde) gebildet werden, mithin waren sowohl Breite als Höhe vorgeschrieben. Daher konnte hierdie geometrische Entwickelung des Aufrisses nicht streng aus dem Grundrisse gefolgert, sondern mußte vielmehrnach den gegebenen Steingrößen eingerichtet werden. Bei solchen Grabsteinen hat man sich, um nicht in moderneFehler zu verfallen, vorzugsweise davor zu hüten, daß man dem mittleren Hauptraume nicht die Form einerThüre oder eines Fensters giebt. Vielmehr war ich nur bedacht, den mittleren Raum als oblong viereckigeGedachtnißtafel bestimmt abzuschließen. Der darüber sich erhebende, spitzbogige Raum wurde am passendstendurch Anbringung des Familienwappens ausgefüllt, die äußere Umfassung des Spitzbogens jedoch, dem viereckigenAbschlüsse des Ganzen entsprechend, gleichfalls in ein Viereck gebracht, und die Zwickel zwischen dem Viereck undSpitzbogen mit Maaßwerk, dessen Kreise aber durch die Wappen des Gründers und seiner Frau ausgefüllt. Daß
*) Lehr reiche Beispiele von allen oben aufgeführten Arten von Grabmonumenten befinden sich in Ldvvard klare'« ,, Sepulekral Vutiliuitiv« ok 6reat kritsü,London 1828 ."