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Gothisches ABC-Buch, das ist: Grundregeln des gothischen Styls für Künstler und Werkleute / von Friedrich Hoffstadt
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tagen üblich ist, möglich zu machen. Ueber den vier quadratischen Räumen und den, mit ihnen verbundenen vieroblongen, offenen Betplätzen befindet sich ein Umgang um die ganze Kapelle, zu welchem man durch die Wendel-treppe gelangt, und auf welchem bei kirchenfeftlichen Gelegenheiten Musikchöre aufgestellt werden können. DieserUmgang ist, wie der Aufriß zeigt, mit einer maaßwerkdurchbrochenen Gallerie begrenzt, in welcher über derBorhalle die bayrischen Wappen angebracht sind. Derselbe kann entweder mit Steinplatten oder Asphalt (desWasserablaufs wegen nach einer geneigten Ebene) gedeckt werden. Für die im Aufriß ersichtlichen, unter Balda-chinen angebrachten Postamente an den acht Strebepfeilern der Kapelle sind Statuen der Schutzpatronen der achtKreise von Bayern projectirt, wahrend ich für die, durch die vier quadratischen Kreuzvorsprünge sich ergebenden,8 Ecken auf dem Gallerieumgange acht Leuchten in Form von erzenen Kandelabern im Aufriß entworfen habe.Außerdem, wenn man die Kosten dieser Erzkandelaber scheut, würden dieselben durch acht, die Gallerie krönendeFialen ersetzt werden. Im Innern der Kapelle ergeben sich an den acht Seitenwänden, zwischen den obern Glas-fenstern und den untern vergitterten Fensteröffnungen an derjenigen Stelle, wo die Fensterhöhe durch die Ueber-wölbung der äußern Betplätze und den, über ihnen befindlichen, galleriebegrenzten Umgang unterbrochen wird,acht sehr passende Plätze, um hier von den gegenüberliegenden Fenstern erleuchtete, Basreliefs anzubringen,welche sich im Hinblick auf die außen stehenden Schutzpatrone der acht bayrischen Kreise auf die natürlichen undgewerblichen Productionen derselben beziehen könnten. Die Stelle des sonst üblichen Altaraufsatzes würde lediglichdurch die Statue der Maria mit dem Christuskinde eingenommen, welche zur Ausführung aus Sandstein pro-jectirt ist, da dieses Material, abgesehen von seiner größeren Wohlfeilheit, weit mehr als Marmor oder Erz mitden Formen der gothischen Architektur in Harmonie steht. Auch soll die Höhe der Statue auf keinen Fall dieGröße von zehn Schuhen übersteigen, indem zu colossale Figuren aus dem Grunde für den gothischen Stylunpassend sind, weil sie die Architektur klein machen. Ein Altaraufsatz, oder die Anbringung eines Baldachinsüber der Maria ist hier aber schon aus dem Grunde überflüssig, weil ein solcher durch die reiche Construction desüber dem Haupte der Maria emporsteigenden Rippengewölbes ersetzt wird, dessen Grundriß aus einem dreifachin einander gesteckten, achteckigen Sterne besteht, von welchem die beiden innersten mit Maaßwerk verziertenFiguren durch über einander über Eck gestellte Quadrate gebildet sind. Da, wie der Aufriß zeigt, das Dach derKapelle aus Stein construirt ist, so würden die sämmtlichen Gewölbrippen, als einander selbsttragend, am bestenohne alle Kappen errichtet werden, und es müßte von großer malerischer Wirkung sein, durch dieses durchbrocheneRippengewölbe das achteckige steinerne Zeltdach zu erblicken. Bei der Errichtung eines solchen Steindachs würdensowohl der hölzerne Dachstuhl nebst seinem Boden, als die, aus Backsteinen zu mauernden, Kappen erspartwerden, und es wäre alsdann zum ganzen Baue kein anderes Holz, als zu den Thüren und dem kleinen Glocken-stuhle nöthig, so daß die Herstellung eines Steindachs, welches zugleich als der geeignetste Träger des, dieKapelle krönenden, aus Sandstein auszuführenden, kleinen Glockenthürmchens erscheint, nicht einmal eine bedeu-tende Kostenerhöhung bedingen würde. Schon im vorigen Jahrhundert warf der Franzose die Frage

auf, wie es komme, daß die gemauerten Dächer von Stein nicht allgemeiner geworden, ungeachtet sie doch solider,feuerfester und nicht theurer, als die jetzt gebräuchlichen seien. Wollte man jedoch im gegebenen Falle einen Dach-boden aus Balken nicht entbehren, dann müßten die Gewölbrippen mit Kappen ausgefüllt, und die Wendeltreppebis zu dem Dachboden in die Höhe geführt werden. Dieselbe müßte alsdann (unbeschadet der äußern Form desquadratischen Unterbaues) gleich vom Boden an in Form eines Achtorts, an die Mauer des angerückten, halbenAchtecks aufgeführt werden, und oben am Giebelfelde mit diesem endigen. Was die wirkliche Ausführung derprojectirten Kapelle betrifft, so brauchen nur die Verzierungen und prosilirten Gewandglieder aus Sandsteingehauen zu werden; Mauern, Sockel und Treppenstufen nebst Fundamentirung könnten mit Vortheil von denMarmor-Bruchsteinen errichtet werden, welche auf der Höhe des für die Kapelle gewählten Berges gebrochenwerden. Diese Marmorsteine würden (der Kosten wegen) nur roh behauen, und durch ihre Farbe mit den Sand-steinen der Verzierungen gut contrastiren. Verputz wäre überflüssig und selbst unschön. Bei der Ausführung derzum Sockel führenden Stufen würde, unbeschadet der dominirenden Zahl 8, je nach der Beschaffenheit desBodens, bald eine oder mehrere Stufen weniger, bald mehr angebracht werden können, ein Verfahren, welchesdurch das Beispiel der alten Meister, durch seine malerische Wirkung, wie seine praktischen Vortheile hinlänglichgerechtfertigt erscheint, und mit dem vollkommensten Unrechte von den modernen Architekten so ängstlich vermiedenzu werden pflegt. Was die Stellung der Kapelle hinsichtlich der Weltgegenden anbelangt, so ist in dem Entwürfedie Richtung des Altars gegen Osten eingehalten, wodurch die Lage der Eingangsthüre gegen Westen bedingtwird. Diese, seit dem urälteften christlichen Ritus hergebrachte und erst in den letzten Jahrhunderten (wohl ausUnwissenheit) vernachlässigte, Richtung des Altars hat die gothische Architektur auf das erfolgreichste zu benützen